Worte für den Tag – Worte auf den Weg | Samstag, 27. Juni 2009

Für wen halten mich die Leute? So fragte Jesus seine Jünger. Ähnlich geht es bis heute; Umfragen, Fernsehsendungen, Bücher wollen wissen: Für wen halten die Menschen Jesus?
Wer mit dem Judentum Freundschaft schließen will, sagt: Er war ein jüdischer Prophet,
ein jüdischer Reformer, der dem Volk Israel neue Impulse verleihen wollte.
Wer sozialkritisch eingestellt ist, sagt: Er war ein sozialer Revolutionär.
Er plante keinen Aufstand, stellte aber das Wertesystem, Familie und Religion, auf den Kopf, fand für die Armen gute Worte und plädierte für Feindesliebe.
Esoterisch – anthroposophisch engagierte Leute sagen: Er war ein hochbegabter Heiler.
Er trieb Dämonen aus und heilte in außergewöhnlicher Weise.
An Kultur und Bildung stark Interessierte sagen: Er war ein großer Weisheitslehrer.
Er arbeitete mit vorzüglichen Erzählungen, war stark in Streitgesprächen, brach Konventionen.

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Worte für den Tag – Worte auf den Weg | Freitag, 26. Juni 2009

Ich kannte die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ich kannte ihr Alter: sechsundfünfzig. Eine Nichte hatte mich angerufen. Seltsame Veränderungen seien mit der Tante vorgegangen. Sie sei glücklich verheiratet, lebensfroh, unproblematische Kinder, erfolgreicher Mann.
Und nun das: Die Kranke wolle ihren Mann nicht sehen, ebenso wenig die Kinder und sonstige Verwandte. Man wisse nicht mehr, was tun. Ob ich nicht mal vorbeigehen könne…Ich machte mich auf einen traurigen Besuch gefasst.
Die ich antraf, war ganz anders: Entschlossen, kämpferisch, beinahe fröhlich, sehr lebendig.

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Worte für den Tag – Worte auf den Weg | Donnerstag, 25. Juni 2009

„Alles wird gut“, heißt eine Kneipe in Hamburg. Eine kühner Name – wahrhaftig. „Alles wird gut“, beim Hören der Morgennachrichten gewinne ich nicht die Kraft, dem Kneipentitel zuzustimmen. Auf dem multikulturellen Schulhof, im Aufwachzimmer der Intensivstation, auf den Fluren der Arbeitsagentur oder zwischen den Bürotürmen von Opel und Arcandor, ob das gilt: Alles wird gut!? Wo gilt das? Vielleicht im Gebet, wo man niemanden aufgeben oder für verloren erklären muss! „Alles wird gut“, wer kann das behaupten, wo doch auch die besten Absichten oft scheitern, wir immer wieder Fehler machen und selbst beim Helfen sagen: Auch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein! Aber: Ist nicht alle Hilfe ein Tropfen auf den heißen Stein? Ja, sie ist ein Tropfen, aber sie kann ein Tropfen Ewigkeit sein. Albert Schweitzer hat einmal diese Geschichte erzählt:

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Worte für den Tag – Worte auf den Weg | Mittwoch, 24. Juni 2009

Die Geschichte spielt in Berlin, im 18. Jahrhundert, und zwar in der Nachkriegszeit. Eine junge Adlige, sie heißt Minna von Barnhelm, sucht ihren Bräutigam, den sie im Krieg verloren hat. Sie findet ihn, und es gibt ein Happyend. Doch die Geschichte ist bitter. Der Bräutigam der jungen Frau hat im Krieg seine körperliche Unversehrtheit, sein Geld und ungerechterweise auch seinen guten Ruf verloren. Jetzt ist er der unerschütterlichen Überzeugung, er könne es Minna nicht mehr zumuten, seine Frau zu werden. Sein Name ist „von Tellheim“, besser: „Major von Tellheim“, aber die Geschichte, die Gotthold Ephraim Lessing erzählt, heißt nach ihr „Minna von Barnhelm“.

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Worte für den Tag – Worte auf den Weg | Dienstag, 23. Juni 2009

Einmal ist ein Journalist in ein amerikanisches Gehörlosenheim gekommen. Die Menschen saßen vor dem Fernseher und sahen die Rede eines Politikers. Sie lachten pausenlos. Warum sie lachten, da sie doch gar nicht verstünden, wollte der Journalist wissen. Weil er so lügt, erwiderten die Zuschauer, das sieht man doch, wie er lügt… Erinnern Sie sich an die Beweise für Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen, die unter Dattelpalmen versteckten Lastkraftwagen mit den mobilen irakischen Biowaffenlaboren? Nie ist für die Zeichnung von Dattelpalmen so viel Blut geflossen… Ein russisches Sprichwort sagt: „Er lügt wie ein Augenzeuge“. Lügen gehört wohl zu unserem Leben. Ein Kind beginnt früh strategisch sinnvoll zu lügen. Mein Bruder behauptete, als er sechs war, er habe zwei Söhne, 36 und 44 Jahre alt. Und, fragten meine Eltern, machen sie dir Freude? Nur Sorgen, erwiderte mein Bruder. Kinder experimentieren mit Lügen. Ein Kind sagt: „Ich bin so müde“ und wird auf der Wanderung prompt getragen.

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Worte für den Tag – Worte auf den Weg | Montag, 22.06.2009

Ein Freund erzählte folgende kleine Szene in einem Berliner Bus: An einer Haltestelle stieg ein Mädchen von etwa 10 Jahren ein; es trug einen Schulranzen, einen Turnschuhbeutel – es sah müde aus. Der Bus war voll. Ein älterer Mann stand auf und bot dem Mädchen seinen Platz an. Das Kind bekam einen roten Kopf, setzte sich aber, dankbar. Dem Freund gefiel die Szene, wir sprachen darüber. Was war geschehen? Der alte Mann hatte den Sitz wohl so nötig wie die müde Schülerin. Es hätte ihr kaum geschadet, wenn sie die drei Stationen gestanden hätte, bis sie ausstieg. Ging es um die reale Hilfe? Es ging mehr um die Bezeugung der Höflichkeit und des Respekts. Gewiss hat das Kind in dieser Minute mehr von der Liebenswürdigkeit des Lebens gelernt als in einem Jahr Ethikunterricht. Was war so schön an dieser Szene? Es war ein kleiner Flirt des Alters mit der Jugend. Der Mann hat das Kind angesehen, hat seine Müdigkeit bemerkt. Und die Höflichkeit war sein Zeichen der Anteilnahme. Sein Empfinden und seine Geste stimmten überein.

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