Abendsegen | Montag, 30. Dezember 2009

Morgen Abend um diese Zeit machen wir uns bereit, die Schwelle vom alten zum neuen Jahr zu überschreiten. Die einen werden fröhlich wie auf einem weichen Teppich über die kantige Zeitschwelle schweben. Andere werden nachdenklich zurückblicken, sorgenvoll dem kommenden entgegensehen. Für die einen wie für die andern lese ich Verse aus dem 90. Psalm, übersetzt von Moses Mendelssohn

Herr, unser Zufluchtsort warst du, von Menschenalter zu Menschenalter.
Ehre denn die Berge gezeugt; geschaffen wurde Welt und Erde, und von
Ewigkeit zu Ewigkeit, bist du allmächtig!
Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Unsere Lebenszeit währet siebenzig Jahre,
achtzig ist ihr fernstes Ziel; und ihr Stolz ist Müh und Kummer, schnell abgeschnitten,
als flögen wir hin!
Ach, lehr uns unsere Tage zählen, damit weisen Herzens sein!
Unseres Gottes Freundlichkeit werde uns beschieden; so gelinget unserer Hände Werk.
All unser Tun gelinget nur durch ihn.

Und der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewache unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Abendsegen | Sonntag, 20. Dezember 2009

Yehudi Menuhin, der große Musiker, hat Lebenserinnerungen geschrieben: „Unvollendete Reise“ hat er sie genannt. Einmal schreibt er über die Interpretation eines Musikstückes: „Im Idealfall würde man eine Passage ganz gleichmäßig spielen und gerade so viel Unregelmäßigkeiten zulassen, dass ein Element der Lebendigkeit spürbar bleibt.“
Für Menuhin ist diese kleine Unregelmäßigkeit, diese Lebendigkeit „La part de Dieu – Gottes Teil“. Er sagt, das sei es, wovon jede „Aufführung fast unbewusst bestimmt sei.“ Ich finde das wunderbar: Die Noten so exakt wie möglich – und dann ein kleiner Spielraum zwischen den Noten, den wir nicht in der Hand haben, der alles bewegt und belebt: Gottes Teil.

Gott segne uns alle in unserem angestrengten Leben mit jenem kleinen Teil von überraschender Lebendigkeit, der unsere Tag- und Nachtzeit immer erneut so köstlich macht.

Abendsegen | Sonnabend, 19. Dezember 2009

Zu einem Einsiedler kommt ein junger Mann und fragt ihn: „Welchen Sinn hat die Stille?“ Der Einsiedler schöpft gerade Wasser aus dem Brunnen. „Schau in den Brunnen“, sagt er, „was siehst du?“ Der junge Mann blickt in den Brunnen. „Ich sehe nichts“. Nach einer Weile fordert der Einsiedler ihn wieder auf. „Schau in den Brunnen, was siehst du?“ Der junge Mann blickt hinunter und sagt: „Jetzt sehe ich mich selber.“ „Siehst du“, spricht der Einsiedler, „als ich Wasser schöpfte, war es unruhig, und du sahst nichts. Jetzt ist das Wasser still, und du siehst dich selbst. Das ist der Sinn der Stille.“

Morgen ist der vierte Advent. Wird er stürmisch? Bringt er Stress? Er lädt ein zur Stille…

Gott segne in dieser Adventszeit Ihre Arme mit Kraft, Ihre Hände mit Zärtlichkeit, Ihre Augen mit Lachen, Ihre Nase mit Wohlgeruch, Ihr Herz mit Freude und Ihre Stunden mit Stille.

Abendsegen | Freitag, 18. Dezember 2009

„Kam ein Wort, kam,
kam durch die Nacht,
wollt’ leuchten, wollt’ leuchten.“

Wer einmal nichts mehr zu sagen wusste, der ahnt, wie schwer das ist, bis ein Wort kommt. Der Dichter Paul Celan bewegt seine Worte stockend, wiederholend, schwerfüßig,  unermüdlich. Schließlich kommt es doch: „kam ein Wort.“

Der Weg, den das Wort nimmt, geht durch die Nacht, nicht ohne sie, nicht über sie hinweg, sondern durch die Nacht hindurch. Nicht irgendein Wort, sondern ein einleuchtendes Wort: „wollt’ leuchten, wollt’ leuchten“. Was das oft kostet zwischen Eltern und Kindern, Kranken und Gesunden, Einsamen und Zuhörenden…ein Wort, das uns erreicht, ein Wort, das andere erreicht, das leuchtet und Licht bringt!

Gott segne alle, die auf das Wort warten und nach ihm suchen, ein Wort, das kommt und trägt durch die Nacht hindurch.

Abendsegen | Donnerstag, 17. Dezember 2009

Ein afrikanisches Mädchen erzählt: Eines Tages bekamen wir eine neue Lehrerin, eine weiße Amerikanerin. Sie war sehr freundlich, aber sie hatte keine guten Manieren. Sie schrieb zehn Rechenaufgaben an die Tafel. Dann stellte sie zehn Kinder vor die Tafel, jedes Kind sollte eine Aufgabe ausrechnen.
„Wer zuerst fertig ist, dreht sich um“, sagte sie. Aber wir warteten ab, bis alle die Aufgaben gelöst hatten, und dann drehten wir uns alle gemeinsam um.

Gott der Gemeinschaft, die Güte deines Geistes leite uns, die Gabe deines Geistes stärke uns, die Kühnheit deines Geistes wandle uns. Schenke Gemeinschaft und stärke sie, wende dein Angesicht uns zu und bringe uns unversehrt zu einem neuen Tag.

Abendsegen | Mittwoch, 16. Dezember 2009

„Ich möchte leben. Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen.“

Worte von Selma Meerbaum-Eisinger, einer Dichterin aus Czernowitz, der rumänischen Bukowina. Sie starb mit achtzehn Jahren – am 16. Dezember 1942. Ihre Freundinnen retteten  57 Gedichte. Sie wurden in lebensbedrohender Zeit zu einer Arche, in die sie sich bergen konnten.
„Komm zu mir, dann wieg’ ich dich, wiege dich zur Ruh’
Komm zu mir und weine nicht, mach die Augen zu.“

Selma Meerbaum-Eisinger – ihre Gedichte sind rein, schön, hell und bedroht, wie unser Leben sein kann.
Gott sei neben uns in Licht und Finsternis; Gott sei in uns bei Tag und bei Nacht; Gott sei bei uns im Leben und im Sterben.

Abendsegen | Dienstag, 15. Dezember 2009

Christen werden in zehn Tagen das Weihnachtsfest feiern, Juden feiern zur Zeit das Chanukka-Fest. Vom 11. bis zum 18. Dezember werden an einem achtarmigen Leuchter Lichter entzündet, jeden Tag eins mehr, bis am achten Tag der Leuchter mit seinen acht Armen im hellen Licht erstrahlt. Sie erinnern an die Bedrohung des jüdischen Lebens und seine wunderbaren Bewahrung, hebräisch chanukka. Eine Legende erzählt: Feinde hatten den Tempel ausgeraubt bis auf ein Krüglein Öl. Es spendete noch für acht Tage Licht, bis frisches Öl wieder da war.
Aus Weihnachten und Chanukka  ist hier und dort Weihnukka entstanden – es ist das Licht, das uns verbinden sollte in dunklen Tagen…

Gott gebe uns seinen Segen, wenn er die Menschen zum großen Fest bei sich ruft. Er führe uns durch das Dunkel der Welt zum Licht des neuen Tages.

Abendsegen | Montag, 14. Dezember 2009

Im Wörterbuch der englischen Sprache stehen unmittelbar nebeneinander „advent“ und „adventure“ – „Advent“ und „Abenteuer“ haben dieselbe sprachliche Wurzel: Beide kommen auf mich zu, überraschend, unvorhergesehen und abenteuerlich.
„Advent“ und „Adventure“ – das mag wie ein Wortspiel klingen, doch da klingt etwas an vom Abenteuer unseres Lebens und vom Entgegenkommen Gottes. Wir sind mitten in der Adventszeit. Adventszeit ist Erwartungszeit … auf einen Augenblick, der uns selig macht, auf einen liebevollen Blick, eine behutsame Berührung, die uns die Fülle des Lebens schenkt.

Der Friede Gottes erfülle und beschütze uns. Er segne und behüte uns. Er lasse sein Angesicht leuchten über uns und stärke unser Warten auf sein Entgegenkommen.

DAS WORT | 22. November 2009 | RBB 88,8

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen…Kann es eine größere Hoffnung geben? Kann es eine größere, eine gewissere Zuversicht geben, dass die Verhältnisse in dieser Zeit und in dieser Welt nicht das letzte Wort behalten? Dass Gewalt, Hunger und Terror ein Ende haben werden und eine neue Welt kommen wird? Kann es eine größere Hoffnung geben als diese aus dem vorletzten Kapitel der Bibel? Wann schreit man nach der neuen Erde, nach dem neuen Himmel, nach einem Gott, der alle Tränen abwischen wird?

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