Worte für den Tag – Worte auf den Weg / Sonnabend, 27. April

Ab morgen sind es noch 10 Tage bis zum nächsten christlichen Feiertag: Christi Himmelfahrt, und noch 10 Tage weiter feiern wir Pfingsten – wir sind in einer fest-dichten und geistlichen-hochpolitischen Zeit. Pfingsten feiern wir die wunderbare Sprachverständigung, jede bleibt in ihrer Sprache, alle aber verstehen sich. Da müssten die Kirchen warnen: „Kann Spuren von Anarchie enthalten!“ Am Himmelfahrtstag, dem politischsten aller Festtage, wird deklariert: Jesus sitze im himmlischen Regiment als Weltenherrscher. Was schleppt das gesittete Christentum da an gefährlichem Sprengstoff seit Jahrhunderten mit sich?

Der Philosoph Immanuel Kant liebte das Nachdenken über den Himmel seit der Kindheit. Seine Mutter ging bei anbrechender Nacht mit ihm ins Freie, den Sternenhimmel zu betrachten: seine Weite, sein Gewölbe, die unsagbare Schönheit der Schöpfung. Er erinnert: „Sie führte mich oft außerhalb der Stadt, machte mich auf die Werke Gottes aufmerksam…drückte in mein Herz eine tiefe Ehrfurcht gegen den Schöpfer aller Dinge. Ich werde meine Mutter nie vergessen, denn sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir, öffnete mein Herz den Eindrücken der Natur. Ihre Lehren haben einen immerwährenden Einfluß auf mein Leben gehabt“.(1)

Dieser immerwährende Einfluss von Kants Mutter hat nicht nur den kleinen Immanuel, sondern auch die folgenden Jahrhunderte geprägt: Caspar  David Friedrichs „Mönch am Meer“ und die Karl-Friedrich Schinkel „Sternenzelt“-Kirche in Neuhardenberg und der neue Berliner U-Bahnhof Museumsinsel geben diesem religiösen Grundgefühl Ausdruck bis heute. 

In Kants Worten:

„ Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“(2)

Kants Berliner Brieffreund, Moses Mendelssohn, übersetzte im gleichen Jahr den Psalm 8 – zwei Freunde im Geiste:

„Unendlicher! Gott, unser Herr1 Wie mächtig ist dein Name‘ auf Erden; Da deine Majestät am Himmel glänzt…betracht ich deiner Finger Werk, den Himmel – Was ist der Mensch, dass du noch ein gedenkest, der Erdensohn, dass du dich seiner annimmst ?“                                           

  1. zit. nach Manfred Geier, Kants Welt, 2020, S. 25
  2. zit. nach Boehm/Kehlmann, der bestirnte himmel über mir, 2024, S.38
  3. Ausgabe bei Henssel, Berlin, 1991

Worte für den Tag – Worte auf den Weg / Freitag 26. April

„Es kommt immer anders, wenn man denkt“ – Augenblick, wie war das? Fehler, oder? „Es kommt immer  anders, als man denkt“? Das ist doch die alte Warnung, die kluge Wappnung vor der Enttäuschung, dass Erwartetes nicht eintrifft. Eben hieß es aber „Es kommt immer anders, wenn ist eher eine Verheißung, das klingt nach Kant, meint selber-denken kann den Verlauf verändern. Steht auf einer Postkarte. „Es kommt immer anders, wenn man denkt“, das ist spielerischer Ernst, das ist sehr gut, weil es so viel kummervollen, schmerzlichen und blutigen Ernst gibt.

Ich betrachte ein Foto aus dem Jahr 2005: Gerhard Schröder und Wladimir Putin stehen in Königsberg am Grab Immanuel Kants; beide machtbewusst, herrschaftsbewusst. Schröder legt einen Kranz nieder, Putins spricht vom gemeinsamen Mitbürger Kant. Der sagt nichts. Kann er nicht mehr. Mitbürger aus Litauen und Polen sagen auch nichts; sind nicht eingeladen. Die üben wie Kant das Selber-denken, was in Putins Reich riskant ist. Ob Putin auch den Aufsatz des Mitbürgers Kant zum „ewigen Frieden“ gelesen hat? Da steht nämlich zu lesen, Friede sei ein Zustand des Krieges, er muss also erarbeitet werden. Es soll keinen Friedensschluss geben, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Krieg gemacht werden könnte. Das ist Kants Linie: Ein Frieden darf keine Ursache zu künftigem Krieg enthalten. Das ist der Nerv augenblicklicher Debatten um einen Frieden in der Ukraine. Kant will damals als einzige Lösung weltweite Freundschaft, einen Völkerbund, den Verzicht auf nationale Souveränität. Kant weiß: Das braucht Zeit. Es geht um eine radikale weltweite Verbundenheit! 

Ich kann nicht erkennen, dass Kant einen Blick zu den biblischen Propheten geworfen hat, sie waren hier Vordenkende. Im Buch vom Wort Gottes heißt es, z.B. bei den Propheten Micha und Joel, dass die Völker nach Jerusalem strömen; Gott wird ihnen Weisheit und Weisung geben, Kriegsgeräte werden überflüssig, deshalb werden die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Schwerter zu Winzermessern. Dadrin sind keine neuen Kriege verborgen, kantgemäßer geht es nicht. Der moderne Hoffnungsphilosoph und bibelgeprägte Ernst Bloch sieht hier das Urmodell der befriedeten Internationale. Das Ende jeden Machtgehabes. 

Quelle: Das Photo ist gedruckt in „ ZEITGeschichte, 2024/1, KANT“, S.8

Worte für den Tag – Worte auf den Weg / Donnerstag, 25. April

„Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Meint Immanuel Kant, der große Philosoph, und fährt fort: Ein stumpfer oder eingeschränkter Kopf, dem es an nichts als an gehörigem Grade des Verstandes ist durch Erlernung sehr wohl bis zur Gelehrsamkeit auszurüsten.“

Der ganze Kant in – er ist ein nach-denklicher Philosoph – zwei Sätzen. Folgt man dem ersten Satz „Der Mangel an Urteilskraft ist das, was man Dummheit nennt“ und blickt auf die politischen Zeitläufte, insbesondere die Wahlkämpfe anderswo und hier, nimmt man an einem politischen Totalschaden teil, jenseits jeglicher Vernunft.

Kant hat schwierige Bücher geschrieben, drei beginnen mit dem Wort „Kritik“. Das meint In seinem Fall nicht Mäkelei; „Kritik“ ist nach Kant die Bestimmung der Grenzen und Möglichkeiten eines Sachverhalts, zum Beispiel der Urteilskraft. Fällt die aus, regiert die Dummheit.

„Fehlen nur Grade des Verstandes, kann der Mensch mit Erziehung und Unterricht bis zum Grad der Gelehrsamkeit ausgerüstet werden;“ das war der zweite Satz, den wir mit großem Dank hören. Wieder ist Kant in der biblischen Spur; Der Berliner Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat das auch so empfunden und nennt es brandaktuell: „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Ja, gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern – gegen die Dummheit sind wir meist wehrlos. Gründe verfangen nicht, Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden.  Der Dumme ist zum Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden, ja, er wird sogar gefährlich, wenn er, leicht gereizt, zum Angriff übergeht. Das Wort der Bibel, dass die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei – so zu finden im Buch der Sprüche, sagt, dass die innere Befreiung des Menschen zu einem verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung von Dummheit ist. Neben der Bibel gibt es im Kant-Jahr jede Menge Bücher zum Königsberger Philosophen.

Eins davon, das mit in die Sommerferien sollte das Bändchen „Mit Kant am Ast der Dummheit sägen“…

Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (Auszüge), Dietrich Bonhoffer Werke, Bd 8, S. 26f

Worte für den Tag – Worte auf den Weg / Mittwoch 24. April

So lautet ein Bekenntnis zum Denken des großen weltweisen Immanuel Kant. Sein 300. Geburtstag begehen wir in dieser Woche: „Die Freiheit zu denken: das einzige Kleinod, das uns bei allen bürgerlichen Lasten noch übrig bleibt und wodurch allein gegen alle Übel noch Rat geschaffen werden kann.“ Seltsam, dieses Bekenntnis zum Denken klingt wie ein Glaubensbekenntnis – mit scharfen Ausschließlichkeiten: „Die Freiheit zu denken: das einzige Kleinod, das uns bei allen bürgerlichen Lasten noch übrig bleibt, und wodurch allein gegen alle Übel noch Rat geschaffen werden kann.“ Vereinnahme ich Kant religiös, wenn ich da höre: Einzig, allein, gegen alle, noch… ist das nicht bekennende Rede? Bei Martin Luther hieß das: Allein der Glaube, allein die Gnade, allein Christus, allein die Schrift! Und bei Kant heißt es: Allein das Denken! 

Das ist zwar im Stil eines Glaubensbekenntnisses intoniert, aber vom Glauben hat Kant, so fürchte ich, wenig verstanden, er lässt sich an keiner Stelle wirklich auf ihn ein. Glauben ist eher so eine Art „Meinen, Für-wahr-halten“, keine Vernunftleistung, eher ein „Religionswahn“, der der Vernunft mit voranschreitender Zeit weichen muss. Bei Kant kein Wort von Luther. 

So wage ich mit Zittern und Zagen den Satz: Wo Kant mit dem Bekenntnis zum Denken,  ausschließlich zum Selber-Denken, zur Vernunft, hinwill, da sind biblisch Glaubende  schon. Das kann man mit dem Berliner Geistlichen Wolf Krötke gewiss nur „mit Zittern und Zagen“ sagen.Doch blicken Glaubende auf den biblischen Jesus und seinen Einsatz für eine versöhnte Menschlichkeit, so mag das, was die Christenheit damit gemacht hat, zwar immer wieder zum Heulen sein, doch das Augenmaß des Glaubens ist durch Jesus Christus gegeben.

„Gottes Wort im Kant-Jahr“ – das darf kein religiöser Schnörkel sein, den wir an ein Datum hängen. Da wird im Gespräch mit Kant das Augenmaß gefunden für das Menschenmögliche und damit für eine „menschendienliche Vernunft geschärft“(1).

Unsere Welt wimmelt von religiösen Angeboten und aufdringlichen Bekenntnissen. Was dem Glauben an Vernunft verloren geht, wird oft durch Aberglauben ersetzt. Vor all dieser Unvernunft bewahre uns – Kant!

(1)Wolf Krötke, Gottes Wort „im Kant-Jahr“, Zeitschrift für Theologie und Kirche, 2004, 458-464

Worte für den Tag – Worte auf den Weg / Dienstag, 23. April

„Wissen macht das Gesicht freundlich und lässt die strengen Falten verschwinden“, so steht es im biblischen Buch des Predigers, 8,1. Ein Satz, so recht nach dem Herzen des Philosophen Immanuel Kant, der heute vor 300 Jahren am 23. April 1724 getauft wurde.

Nein, nein, der weltberühmte Philosoph war – anders als mancher denkt – kein grämlich-unfroher Bücherwurm mit strengen Falten auf der Stirn, man erzählt von seinem bezaubernden Charme, ein Gentleman des Denkens, der seine Freude, am Ast der Dummheit zu sägen (1), gern allen mitteilte.

Ein Philosoph, wörtlich übersetzt: ein Weisheitsforscher, ein die Weisheit Liebender, dem aber auch wütend der Satz entfahren konnte: „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ Dafür lebte er: Den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszuführen; er nannte das „Aufklärung“. Das brachte ihm in der Christenheit damals wie heute nicht viele Freunde, denn Aufklärung, Vernunft und Weisheit gehören nicht immer zu den erstrebenswertesten Zielen kirchentreuer Menschen; weshalb sie leider auch unter den felsenfesten Wählern eines jenseits aller Vernunft schreienden Präsidentschaftskandidaten in den USA zu finden sind.

„Wissen macht das Gesicht freundlich und lässt die strengen Falten verschwinden“, so die Bibel und Immanuel Kant. Wissen macht schön. Und dabei blieb Kant einer der berühmtesten Singles der Geschichte. Aber da liegt bei dem Philosophen ein ziemlicher Hase im Pfeffer, ich meine, seine Bibellektüre. Hätte er nur einmal die Psalmen aufgeschlagen, den Prediger, Hiob, Kohelet, Jesus Sirach, die Sprüche oder das Hohe Lied, dann wäre er, der Weisheitsforscher, Frau Weisheit begegnet. Reizvoll, diesem aufregenden Paar zuzusehen, der Herr Philosoph trifft die Frau Weisheit, die an Gottes Seite tanzte und spielte, als er die Welt schuf, so aufzufinden im Sprüchebuch, Kp.8.

Da wäre er gewiss gern dabei gewesen, und hätte sie rufen gehört auf dem offenen Markt:  „Wie lange noch, ihr unreifen Jünglinge, gefällt euch eure Unreife? Dumme hassen Erkenntnis! Wendet euch meiner Belehrung zu! Wer sie hört, bleibt verschont von bösem Schrecken!“ Recht hat sie bis heute.

(1) Hand-Joachim Neubauer, Mit Kant am Ast der Dummheit sägen, Verlag Herder, 2006,

Worte für den Tag – Worte auf den Weg / Montag 22. April

„Anno 1724 d. 22ten April Sonnabends um 5 Uhr ist mein Sohn Emanuel an  diese Welt geboren und hat den 23ten die heilige Taufe erhalten. Gott erhalte ihn in seinem Gnaden Bunde bis an sein seliges Ende um J.C. Willen. Amen“. 

So feierlich trug es die Mutter Anna Regina tagsdrauf ins Hausbuch der Familie Kandt – damals noch mit dt – ein. Das geschah heute vor 300 Jahren in Königsberg, wo der preußische Kalender galt und für diesen Tag den Namen Emanuel bereithielt. Erst nach dem Tod des Vaters änderte der Sohn seinen Namen in Immanuel, ein alttestamentlich-hebräisch bedeutsames Wort, zu übersetzen mit „Gott ist mit uns“, aber auch „Gott sei mit uns“. Nun beginnt schon das Fragen: Welche Fassung wohl seinem Leben gerecht wird? Die biblische Unerschütterlichkeit des „Gott ist mit uns“ oder der biblische Hoffnungstrotz: „Gott sei mit uns!“ Doch lassen wir dieses Kind erst einmal das „Licht der Welt“ erblicken – heute vor 300 Jahren. Viel Raunen und Rauschen hat der 300. Geburtstag Immanuel Kants schon in Bewegung gesetzt: Ausstellungen, Buchausgaben, Aufsätze widmen sich ihm. 

Er gilt als der deutsche Philosoph und deutsche Denker.

Und heute vor 300 Jahren erblickte er das „Licht der Welt“. Zwei Worte, die zu Leitworten seines Lebens wurden: Licht und Welt. Ein Leben lang arbeitete er an und für die Erleuchtung unseres Lebens, für die Aufklärung der Menschen, gemäß dem ersten Wort des Schöpfers: „Es werde Licht !“ Und er arbeitete sein Leben lang – 82 Jahre, für seine Zeit gesegnet lang – an der Frage nach der Welt: Was ist die Welt? Was steckt hinter ihr? Wohin entwickelt sie sich? Wie können wir wir vernünftig und verantwortlich in ihr leben?

Heute vor 300 Jahren, am 22. April 1724, erblickte Immanuel Kant das Licht dieser Welt, der Weltweise, der Weltbürger mit festem Wohnsitz, wie man sagte. In dieser Woche folge ich tastend Augenblicken seines Lebens und seines Fragens, die am Ende zu einer einzigen Frage zusammenrückten: „Was ist der Mensch?“ Das fragen wir uns heute auch. Immer wieder, immer neu. Am 12 Februar 1804 verlässt Immanuel Kant das Licht dieser Welt. Die um ihn waren,  berichteten, er habe undeutlich, aber verständlich geflüstert: „Es ist gut“.

Worte für den Tag / Worte auf den Weg | Sonnabend, 15. April 2023

Am unverzichtbarsten ist im christlichen Festkalender das Osterfest. Notfalls, schlimmstenfalls könnte man alle anderen Feste bleiben lassen. Nicht aber, nie aber Ostern. Dass Jesus von den Toten auferstanden ist, ist die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens. Diesen gäbe es nicht, wenn Ostern nicht gewesen wäre.

Die Auferstehung Jesu von den Toten wird in den biblischen Berichten nirgends beschrieben, sie bezeugen nicht die Auferstehung, sie bezeugen allein das Auferstanden-Sein des Jesus von Nazareth.
Nach dem entsetzlich entehrenden Tod durch eine Kreuzigung – im römischen Recht nur Sklaven vorbehalten, die waren keine „Menschen“ – seine Jüngerinnen und Freunde waren schockiert, eingeschüchtert, geradezu irre geworden an Jesus‘ Sendung. Seine Mission schien gescheitert, ihre Hoffnung vernichtet. Doch binnen weniger Tage machten die konsternierten und verängstigten Jesus-Gruppen die verloren geglaubte Sache des Gekreuzigten von neuem und nun erst recht zu
ihrer eigenen Sache. Fragt man, wie ist dieser rätselhafte Umschwung zu erklären, so lautete die Antwort der Beteiligten: „Wir haben den Herrn gesehen!“.

Und nach sieben Wochen, am Pfingstfest, treten sie furchtlos aus der ängstlichen Reserve heraus in die Öffentlichkeit und sagen, dass die römische Militärmacht ihren Herrn nicht versenkt, sondern Gott ihn erhöht habe. Damit kommt jene Geschichte christlicher Verkündigung in Gang, die unsere Welt wie kaum ein anderes Geschehen bewegt hat. Die Christen werden mit dieser Botschaft „Protestleute gegen den Tod“. Diesem Auftrag sind sie sehr oft nicht gerecht geworden und haben die gewalttätige Karfreitagswelt gestärkt. Doch ihre Herkunft ist Ostern – das bleibt zu erinnern! Der amerikanische Schriftsteller John Updike* mahnt die Christen: „Lasst uns nicht Gottes spotten mit Ausflüchten! Macht das Ereignis nicht zum blassen Zeichen der Glaubenseinfalt früh’rer Zeiten: Durchschreiten wir die Tür!“

  • *John Updike, Sieben Strophen über Ostern, im Internet zu finden unter: „Credo ut intelligam“
  • John Updike, Seven stanzas about Easter, im Internet zu finden unter „NAMENSgedächtnis“ Google „John Updike über Ostern“

Worte für den Tag / Worte auf den Weg | Freitag, 14. April 2023

Heute liegt die Katastrophe von Karfreitag eine Woche hinter uns. Das entsetzliche Sterben ihres Lehrers und Freundes Jesus von Nazareth hat viele aus seiner nahen Umgebung völlig ratlos, verwirrt und schockiert in ihr Leben zurückgeworfen. Einige fingen wieder an mit dem Fischer-Beruf, den sie vor dem turbulent-radikalen Abenteuer mit Jesus ausübten, andere wandern wie wie benommen in ihre Heimatorte, weg von Jerusalem. Eine nahe Freundin sucht nach seinem Grab, ein treuer Weggenosse schließt sich völlig ein, alle sind ohne Orientierung, wirken wie verwaist.
Einzig das Johannes-Evangelium, zwar Jahrzehnte später geschrieben, hält doch eine Erinnerung wach, die tief anrührend ist: „Es standen bei dem Kreuz Jesus seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Da sah Jesus seine Mutter und den Jünger, den er liebte, dastehen und sagte zu seiner Mutter: „Frau, hier ist dein Sohn“ Dann sagte er zum Jünger: „Hier ist deine Mutter“ Und von da an nahm der Jünger sie zu sich.“
Der Erzählung nach nahm er noch einen Schluck Essig und sagte: “ ‚Es ist vollbracht.‘ Er senkte den Kopf und gab den Geist auf.“

Diese letzte, berührende Szene zeigt noch einmal, worin die Sendung Jesu besteht. Jesus‘ Mutter und der Lieblingsjünger werden nach dem Tod verwaist zurückbleiben. Die Lücke, die der Verlust des Sohnes, der Verlust des geliebten Meisters, reißt, wird nicht zu schließen sein. Doch verweist Jesus die beiden aufeinander. Und so bleiben die beiden nicht allein in ihrem Schmerz und ihrer Trauer. Noch im Sterben zeigt Jesus, dass sein Auftrag die Liebe ist, die Freundschaft, die Gemeinschaft, die Menschenfreundlichkeit. Nicht alles Unglück auf der Welt ist zu verhindern. Aber kein Mensch soll im Unglück allein und verwaist sein. Wir sind von Jesus aneinander gewiesen. Als Geschwister, als Gefährtinnen und Gefährten sollen wir einander begegnen. Keiner soll allein bleiben, wenn Unglück und Schmerz ihn treffen. So erfüllen wir den Willen Jesu. Wer seinen Nächsten liebt, der liebt auch Jesus, der liebt auch Gott. Denn wer liebt, in dem ist Gott gegenwärtig.

Worte für den Tag / Worte auf den Weg | Donnerstag, 13. April 2023

Die Woche mit dem Osterfest geht langsam zu Ende. Die Botschaft lautete: „Jesus lebt!“ Vier Tage später fragen wir: Wo kann man den Osterglauben finden? Die Bibel erzählt die Geschichte von zwei Männern, die vom Osterausflug zurückkehren. Sie hatten von Jesus von Nazareth gehört, von seinem Zug nach Jerusalem und dass er dort das Reich Gottes, das Reich der Freiheit und des Friedens ausrufen würde. Und? Sie hatten erleben müssen, dass er eines elenden Todes starb. Da war auch in ihnen das wichtigste zum Leben gestorben, ihre Hoffnung.

Nun würde alles so weitergehen wie zuvor: Gewalt würde herrschen, nicht die Liebe, Macht würde herrschen, nicht das Recht. Da hatten zwei Sympathisanten ihre Hoffnung und ihren Mut zusammengenommen und sich der Jesus-Bewegung angeschlossen – nun kehren sie heim wie die kleinen Leute aus Revolutionen und Kriegen heimgekehrt sind: Nichts gewonnen, viel verloren und für den Spott werden die Nachbarn sorgen. Zwei Männer unterwegs, ratlos und enttäuscht. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder Begeisterung oder Glauben an das Reich Gottes finden werden. Da gesellt sich ihnen ein Dritter zu. Sie erzählen ihm von verrückten Gerüchten, es gäbe
ein leeres Grab. Aber, was soll denn das bedeuten? Der Dritte beginnt zu erklären, aber sie schweigen, wandern in ihr Dorf, das heißt Emmaus, sein Reden bleibt wirkungslos.

Am Abend laden sie ihn ein: „Bleib bei uns“, sagen sie zu ihm. Selbstverständliche Gemeinschaft der kleinen Leute, soll er doch bleiben! Dann erzählt die Bibel: “ Und als er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, dankte, brach es und gab es ihnen, Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten Jesus.“ Da wird ihnen alles klar, sie erkennen ihn, sie finden den Glauben und erinnern sich: „Brannte nicht unser Herz, als wir unterwegs waren?“ Da kann man den Osterglauben finden. Er kommt nicht auf Befehl, auch nicht in der Kirche, er begegnet uns, irgendwo, irgendwann, auf der Reise, beim Reden, beim Essen, beim Trinken, beim Zuhören, im Gespräch, unterwegs. Und dann glauben wir, dass er unser Leben begleitet.

Worte für den Tag / Worte auf den Weg | Mittwoch, 12. April 2023

Kaum zwei Tage liegt das Osterfest hinter uns und man meint, es sei alles wie vorher. Denn nicht immer kann man an die Auferstehung glauben. Nicht immer hat man den Mut zur österlichen Freude. Die kann einem vergehen mit Putins menschenfeindlichem Krieg gegen das ukrainische Volk. Deshalb: „Ostern“ – Zwar war Jesus war nach der Katastrophe des Karfreitag seinen Jüngern erschienen. Und doch: Ostern ist nicht das Happy-End einer furchtbaren Geschichte – Risse, Wunden, Schmerzen bleiben. Der Zweifel, die Skepsis auch. Die Bibel weiß es sehr genau:
Als Jesus den Jüngern erscheint, ist einer nicht dabei, er heißt Thomas. Die Jünger sind voll Trauer. Sind sie einem Irrlehrer auf den Leim gegangen? Haben sie Familien und ihre Arbeit für nichts und wieder nichts verlassen? Ihr Vertrauen in dies „Jesus-Projekt“ verloren. Erwartung des Gottesreiches?
Das war wohl gestern…Sie sind drauf und dran depressiv zu werden. Sie…, wie sagen wir?, machen zu. Da tritt Jesus in ihren Kreis, wendet sich ihnen zu voll Liebe und Wärme und spricht: „Schalom l’cha – Friede sei mit euch!“ und überwindet ihre Depressionen, nimmt ihnen die Ängste.

In der Gruppe fehlt einer: Thomas. Die Freunde berichten ihm, aber er will nicht glauben, was andere glauben. Seine Skepsis bleibt. Aber auch auf Thomas geht Jesus zu, würdigt seinen Widerstand, seine Sehnsucht, glauben zu wollen und es nicht zu können. Skepsis heißt auf Deutsch: Genau hinsehen.
Das schenkt ihm Jesus. Thomas sieht die Wundmale und ist überzeugt: Jesus ist im Leben.
Thomas ist kein ungläubiger Jünger, er erinnert uns an die Tugend der Skepsis, sie deckt Verblendung auf und schönen Schein, sie schärft das Gewissen und festigt den Glauben. Glaube und Zweifel sind keine Gegner, sondern Geschwister. Eine Ostererfahrung – Dank! Thomas!