Abendsegen | Sonntag, 18. August

Der alttestamentliche König Salomon lebt im Gedächtnis vieler Menschen als der weise König. Ein salomonisches Urteil fällen heißt, ein weises Urteil fällen. Salomon konnte das nicht gleich zu Beginn seiner Regierung; er war sehr jung und überfordert mit seiner Rolle. Also steigt er für eine Zeit aus dem Alltag aus, unterbricht seine Amtsgeschäfte, zieht sich zurück, bittet Gott , nein, nicht um Macht und Reichtum, sondern um ein hörendes, verständiges Herz.
Die Unterbrechung tut ihm gut, er gewinnt eine Perspektive für sein Leben.
Der Theologe Johann Baptist Metz hat gesagt, Unterbrechung sei die kürzeste Definition von Religion. Religion unterbricht unseren Alltag, Religion greift ein und verändert. Der Sonntag kann eine solche Unterbrechung sein, Gelegenheit, über das Warum und Wozu von allem nachzudenken. Ich weiß, niemand liebt Unterbrechungen – der nächste Sonntag kommt in sieben Tagen…

Unser Vater, segne unser Zur-Ruhe kommen, deine Weisheit berate

Abendsegen | Sonnabend, 17. August

Die zweite Arbeitswoche nach den großen Ferien ist vergangen. Viel hat wieder Fahrt aufgenommen. Jetzt beginnt das intensivste Viertel des Jahres – Projekte, Planungen, Sitzungen, Wahlen – die Wochen werden dicht mit Arbeit angefüllt sein. Die „To-do-Listen“ halten wieder Einzug. Bei manchen sind lange Litaneien notiert. Der Dichter Eugen Roth hat diese Situation treffend auf den Punkt gebracht:
Ein Mensch sagt – und ist stolz darauf:
„Ich geh in meiner Arbeit auf!“
Doch bald darauf – nicht ganz so munter –
geht er in seiner Arbeit unter…

Wir sollten auf diesen To-Do-Listen drei, vier Linien freihalten für gänzlich unnötige Dinge wie spielen, lesen, beten, spazieren gehen, den Bruder anrufen, ein Lied lernen, eine Fischsuppe kochen, Kranke besuchen, Sushi selber rollen, den Kindern zuhören…völlig zwecklose Dinge also. Sie werden unser Leben in ein neues Licht rücken!

Unser Vater, deinen Segen für eine ruhige Nacht erbitten wir, deine Weisheit berate uns.

Abendsegen | Freitag, 16. August

Es ist Freitag-Abend, die jüdischen Gemeinden feiern den Schabbat. Ich lese das biblische Gebet zur Nacht, Psalm 121:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen,
woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt von Gott,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.

Der Herr behütet dich;
Der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand;
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte dich vor allem Übel.
Er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang
von nun an bis Ewigkeit.

Abendsegen | Donnerstag, 15. August

Auf der großen und schönen Kunstmesse in Basel kam es im Juni zu einem fürchterlichen Zwischenfall: Die Süddeutsche Zeitung berichtet: „Ein kleines Mädchen, drei Jahre alt, war von einer großen Fliegen-Plastik derartig angerührt, dass sie das vermeintliche Tier, dessen charakteristischen Umrisse ihm vertraut waren, ihrerseits anrührte und zu Fall brachte…der Kunstflügel der Kunstfliege…zerbrach umgehend…“, so weit die Zeitung. Sie berichtet vom fürchterlichen Bohei und Riesentheater der Aussteller, die „das unberührte Kunstwerk von davor“ dramatisch beklagten, aber auch vom tiefen Beschämtsein des Kindes. Sie verweist auf eine Welt, in der “Antatschen, Wischen, Klicken, Tippen und Tapsen“ gang und gäbe ist. Wer drückt nicht im Bio-Markt auf diese Nektarine und jenen Pfirsich? Ein kleines Kind wollte die schöne filigrane Fliege berühren, begreifen, erfassen, spüren. Dass uns, den viel Älteren, diese Bewegung, diese Sehnsucht nie verloren gehen möge! Und wenn auch nur in Gedanken…

Gott, bleibe bei uns mit deinem Segen, schütze unsere Nacht und gib uns für jede Sorge eine Aussicht.

Quelle: SZ, Streiflicht vom 18. Juni 2019, S.1

Abendsegen | Mittwoch, 14. August

Tracey Crouch ist in England „Minister for Loneliness“. Ministerin gegen Einsamkeit. Es gibt sie, weil in England Einsamkeit sehr verbreitet ist und als gesundheitliches Risiko eingestuft wurde.
Dazu die Geschichte eines Freundes: “Abends saß ich in der S-Bahn und nahm zum Arbeiten meinen Laptop auf die Knie. Da setzten sich ein großer Junge mit einer geistigen Behinderung und sein Betreuer mir gegenüber auf die Bank. Der Junge bearbeitete mich mit Fragen: „Gehst Du jetzt nach Hause?“ „Wo musst Du aussteigen?“ Der Betreuer gab mir zu verstehen, dass ich nicht auf ihn eingehen müsse. Aber die Unbefangenheit des Jungen war mir sympathisch. Ich packte den Computer ein und wir hatten eine lebhafte Unterhaltung. Wir waren die einzigen, die miteinander redeten. Alle anderen saßen stumm da, den Blick aufs Handy gerichtet. Ich stellte fest: Die Begegnung hatte mich glücklich gemacht.“ Und ich sagte meinem Freund: Du hast einen Minister gegen Einsamkeit erlebt und erzählte ihm von Tracey Crouch.

Gott, bleibe in dieser Nacht bei uns mit deinem Segen. Schütze uns, stärke uns, schenke uns morgen wieder lebhafte Erfahrungen.

Abendsegen | Dienstag, 13. August

Der 13. August geht zu Ende – ein Satz zum Nachdenken, denn einmal kann der Satz den heutigen Tag meinen, er kann auch die Erinnerung an den 13. August 1961 meinen, die langsam zu Ende geht. Es ist ein schlimmes Datum in unserer Geschichte. Ein Datum, kein Fatum, kein Schicksal, kein unabänderliches Schicksal, übrigens, das Wort Schicksal gibt es in der Bibel nicht!
Die rohe und hässliche Mauer war ein roher und hässlicher Anschlag auf das gemeinsame Leben; Terror als Bauwerk. Und doch gab es Menschen, die nicht in Schockstarre verfielen, sie blieben einfallsreich, listig, pfiffig, kreativ, ungebrochen, bis die Mauer endlich zerbrach. Sie waren erschrocken und unerschrocken, bekümmert und unbekümmert, eingeschüchtert und trotzig, sahen das Wirkliche und das Mögliche. Sie lebten das „und“! Das „und“, darin liegen Hoffnung und Trotzenergie, vergessen wir das nicht!

Der Gott über alle Götter des Hasses, schenke uns seinen Segen und seine Kraft und lasse uns guten Mutes morgen wieder aufstehen.

Abendsegen | Montag, 12. August 2019

Das Wochenende brachte für viele Familien ein einschneidendes Erlebnis, das sie Jahre lang prägen wird: Einschulung! Und am heutigen Morgen wanderte der kleine Benjamin zum ersten Mal in die Schule. Seine Cousine Fanny hat ihm erzählt, wie das vor zwei Jahren war:
Toll!
Schule -ersehnt wie gefürchtet, aufregend, ein ganz wichtiger Einschnitt im Leben, für viele Kinder der wichtigste! Sie werden viel lernen, auch anderes als die Großeltern; es wird nicht schmerzfrei zugehen!
Und alle hoffen, dass engagierte und verständnisvolle Lehrkräfte durchs erste Jahr mitgehen…
Warum muss ich zur Schule gehen? Wer kennt nicht den Stoßseufzer aus Schüler- und Lehrerinnenmund?
Die Schule gehört zu unserem Leben wie Zahnarztbesuche und Geburtstage. Sie ist eine großartige Erfindung! Es gibt gewiss gute und gemischte Gefühle.

Unser Vater, gib unseren Kindern und Enkeln für jeden Schultag einen Regenbogen und für jede Träne ein Lachen! Segne die Schulzeit!

Worte auf den Weg | Sonnabend, 23. März 2019

Die beiden Frauennamen Pua und Schifra sind in der blitzenden glitzernden Medienwelt kaum bekannt, zwei ungehörte Namen, aber unerhört ist die Geschichte, die sich hinter ihnen verbirgt. Sie spielt in der Bibel, im alten Ägypten. Die Israeliten, wichtige Wanderarbeiter im Wohlstandsreich am Nil, haben das Recht bekommen, sich überall anzusiedeln, das mächtige Reich braucht sie als Fachkräfte -und sie werden mehr und mehr. Der Herrscher, der Pharao, bekommt Angst vor ihrer wachsenden Größe und möglicherweise ihrem Einfluss. Vielleicht kommt es zu einem Krieg und sie verbünden sich mit dem Gegner? Der Pharao beschließt, ihren Lebensnerv zu treffen, ihnen die Zukunft zu nehmen: Alle männlichen Säuglinge sollen getötet werden. Undwer soll das tun? Die Hebammen. Pua und Schifra sind Hebammen.

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Worte auf den Weg | Freitag, 22. März 2019

Zwei sehr unterschiedliche Männer diskutierten vor kurzem in der Katholischen Akademie Dresden-Meißen ein herausforderndes Thema zur Europawahl – es ging um das Motto: „ Ich hasse nicht zurück!“ Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg, und Gregor Gysi, Spitzenstimme der europäischen Linken, saßen dabei auf dem Podium. Das Thema brachte Gysi zu der bewegenden Formulierung: „Meine Feinde lieben, wie Jesus gesagt hat, kann ich nicht. Aber: Ich hasse nicht zurück, lieber Herr Bischof .“

„Du sollst deinen Feind lieben“, diesen Satz hat Jesus uns ins Stammbuch geschrieben. Er hat ihn selbst gelebt wie auch viele andere tapfere Menschen, die in dieser Haltung starben. Jede und jeder von uns weiß, wie schwer uns schon Vergebung fällt, sogar gegenüber Menschen, die wir gern haben. Wie soll das dann gehen und aussehen: die Feinde lieben. Meine Gefühle sind gegenüber dem Feind ganz anders als gegenüber dem Freund. Ich lüge mir etwas vor, wenn ich so tun würde: Ich habe Sympathiegefühle für dich, komm her, lass dich umarmen!

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Worte auf den Weg | Donnerstag, 21. März 2019

Ein Leitwort des Europawahl-Kampfes heißt: Gerechtigkeit! Zu Recht, denn die Menschen wollen wissen, welche Gestalt Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Solidarität annehmen müssen, damit wir eine menschliche Gesellschaft bleiben. Gerechtigkeit – an eine biblische Tradition will ich erinnern, die aufstrahlt in folgendem Wort: „Ein Gerechter ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht ohne Wolken, wenn vom Glanz nach dem Regen das Gras aus der Erde wächst. “ Das heißt: Gerechtigkeit macht schön!

Die Bibel hat den Mut, Schönheit und Gott nicht zu trennen: „Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes, Licht ist sein Kleid.“ Die Schöpfung ist schön, die bezaubernde Schönheit der Rosenblüte, die Blütenblätter des Storchenschnabels, das tiefe Blau der Clematis, sie alle sind schön im Zusammenspiel von Regen und Licht. Das Zusammenspiel macht auch die Schönheit zwischen Menschen aus: „Brich dem Hungrigen dein Brot, dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.“ Gerechtigkeit lässt Menschen, die teilen, schön werden…

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