Nicht zu glauben! – Küssen oder kämpfen?

Zuweilen wird in dieser Spalte gegrummelt und geseufzt, zuweilen werden Entdeckungen gemacht und eingeübte Sichtweisen neu justiert – gelacht wird selten. Heute soll es zumindest um ein Lächeln gehen…Da heißt es im Psalm 85,11 „Gerechtigkeit und Frieden küssen sich“. Paul Gerhardt singt in „Herr, du vormals hast dein Land…“ (EG 283): „Die Güt und Treu werden schön einander grüßen müssen; Gerechtigkeit wird einhergehn, und Friede wird sie küssen“. Im verwehten Programm der Ökumenischen Bewegung „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ war das anschauliche Bild ein biblischer Beleg, in ihm kam zusammen, was nie zusammen gehen wollte.

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Glück, unermesslich

Zu den unerschöpflichsten Liebesgeschichten gehören die zwischen Menschen und Büchern. Nur eine Diktatur wie zum Beispiel die Perons in Argentinien konnte 1950 Demonstranten skandieren lassen: Schuhe ja, Bücher nein!“. Der Gegensatz zwischen Lesen und Leben ist von den Mächtigen immer geschürt worden – der Gedenkort für die verbrannten Bücher vom Mai 1933 auf dem Berliner Bebelplatz gehört zu den eindrücklichsten der Bundeshauptstadt. Aber Lesen ist wie atmen“, sagt Alberto Manguel in seiner unvergleichlichen Bücher-Schatzkammer Eine Geschichte des Lesens“ (Berlin 1998), deshalb war auch der Slogan mancher 68er Hört mit den Zitaten auf“ als Spitze gegen akademische Zitierkartelle kurzzeitig witzig, aber das Leben des Lebens“ gegen das Leben des Buchstabens“ zu stellen, ruft mit seiner vitalistischen Willkür unangenehme Erinnerungen wach. Ob es aus der Romantik stammt, dass das Selbst sich aus sich heraus entwickeln kann und nicht von einer Buch-Autorität erzogen werden soll? Es regiert unter Studierenden (auch der theologischen Disziplin!) eine derartige Unlust dem Lesen gegenüber, dass die Lesenden fast schon wie eine aussterbende Art angesehen werden müssen. Der Teilzeitleser“, der halbe“ Leser, der gegen irgendeine Geräuschkulisse anlesende Leser, der in der Wartehalle des Flughafens sein ausgelesenes Taschenbuch achtlos liegen lässt – es wird ihn häufiger geben.

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