Worte für den Tag | Donnerstag, 30.11.2006

Die Bibel erzählt vom Propheten Jona; der der Stadt und dem König von Ninive den Untergang ansagte. Der König rief ein Fasten für Menschen und Tiere aus und sagte: „Wer weiß! Vielleicht lässt es sich Gott gereuen und wendet sich ab von seinem Zorn, dass wir nicht verderben!“ „Wer weiß!“, sagte der König; das gefiel meinem Freund sehr gut. „Wer weiß“ – das sollten auch die Christen öfter sagen, meinte mein Freund. Denn er beklagte den christlichen Gottesdienst und die Predigten: alle Aussagen seien irgendwie erwartbar. Käme das Wort Sünde, folge ihm sofort das Wort Vergebung, fiele das Wort Schuld, folge ihm die Gnade auf dem Fuße. Und immer sei die Predigt auf Jesu Seite. Es gäbe kein „Wer weiß!“, kein Zögern, keinen langsamen Schritt. Seine Schlussbemerkung versetzte mir einen Stich: „Vielleicht sind die Predigten deswegen so langweilig, weil ihr Gott zu früh recht gebt“.

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Worte für den Tag | Mittwoch 29.11.2006

Sie weiß nicht mehr, wie alt sie ist, wie sie heißt. Sie kennt ihre Kinder und Enkel nicht mehr, und wenn sie das Haus verlässt, findet sie den Heimweg nicht. Sie kommt nicht mehr ohne Hilfe ins Bett, das Essen wird ihr teilweise eingegeben, sie spricht keinen ganzen Satz. Aber sie kann noch gehen, braucht weder Stock noch Rollator. Letzte Woche ist sie gestürzt. „Ich tippe auf Oberschenkelhalsbruch“, sagte der Hausarzt, „muss geröntgt werden.“ „Ist das wirklich nötig?“, fragte ihr Sohn. „Wenn sie wieder gehen können soll!“. „Aber wird sie das können?“, fragte die Schwiegertochter. „Wir hoffen es“, sagte der Arzt. Sie wurde ins Krankenhaus gefahren, ratlose Furcht stand auf ihrem Gesicht. „Oberschenkelhalsbruch“, sagte der Röntgenarzt, „Operation muss sein!“ „Wirklich?“, fragte der Sohn. „Wir können die Frau doch nicht einfach liegenlassen“, erwiderte der Arzt. „Was geschähe dann?“ „ Sie würde rasch eine Lungenentzündung bekommen und sterben“. „Du willst doch das Beste für deine Mutter“, sagte seine Frau. Er sah sie an. „Wenn ich nur wüsste, was das Beste ist“

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DAS WORT – 22. Oktober 2006

Heile mich, Gott, so werde ich heil!
Hilf mir, so ist mir geholfen!
Jeremia 17,14

„Sagen Sie mal A „ sagte der Doktor.
„Ganz ruhig liegen“, sagte die Röntgenassistentin.
„Richtig entspannen“, sagte der Internist bei der Magenspiegelung.
„Tief einatmen“, sagte der Lungenarzt.
„Das Bein gerade halten“, sagte die Krankengymnastin.
„Sie müssen nicht so ängstlich sein“, sagte der Chirurg.
„Sie müssen mehr trinken“, sagte der Urologe.
„Sie müssen aufhören zu trinken“, sagte der Therapeut.
„Sie müssen sich mehr bewegen“, sagte der Rheumatologe.
„Sie hätten früher kommen müssen“, sagte der Neurologe.
„Morgen geht’s nach Hause“, sagte der Stationsarzt.
„Gott sei Dank“, sagte der Patient.

Kranksein bedeutet, viel müssen und wenig dürfen. Und es betrifft niemand so sehr wie die Deutschen. Deutsche sind mit ihrem Gesundheitswesen unzufriedener als Amerikaner, Kanadier, Briten oder Neuseeländer. 58 Prozent von 4000 Befragten bezeichnen das eigene Befinden als schlecht. Wenn sich die Deutschen schlecht fühlen, verschafft ihnen der Arztbesuch nicht immer Erleichterung. In den Praxen der Mediziner geht ein seltsames Leiden um: Fast die Hälfte der Patienten hat Beschwerden, bei denen nichts Krankhaftes festgestellt wird. Magen, Darm, Herz, Kreislauf und der Rücken stehen im Mittelpunkt. Bekommen Patienten zu hören, sie hätten etwas, sind sie enttäuscht. Wird ihnen gesagt, sie hätten nichts, sind sie auch enttäuscht. Es gibt kaum noch Gesunde – nur Menschen, die nicht gründlich genug untersucht worden sind.

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Der Schatten der Schöpfung oder Gott Inkognito

Hiob 14, 1-7.10.13-15

Der Mensch, geboren von einer Frau, kurz an Tagen und satt an Unrast. Wie eine Blume geht er auf und welkt, flieht wie ein Schatten und hat keinen Bestand.
Doch noch über den hältst du deine Augen auf und mich bringst du ins Gericht mit dir. Wer gäbe es, dass rein aus unrein kommt, kein Einziger, keine Einzige!
Wenn die Tage eines Menschen fest beschlossen sind, liegt die Zahl seiner Monate bei dir; du hast seine Grenzen markiert und er überschreitet sie nicht.
Blick weg von ihm und er könnte aussetzen, dass er sich wie ein Tagelöhner seines Tages freuen kann. Ja, für einen Baum gäbe es Hoffnung; wenn er abgehauen ist, kann er wieder ausschlagen und seine Triebe setzen nicht aus…Doch stirbt ein Mann, liegt er kraftlos da, scheidet hin ein Mensch – wo ist er dann?… Wer gäbe es, dass du mich in der Unterwelt verborgen hieltest, mich verstecktest, bis dein Wutschnauben sich wendet, dass du mir eine Markierung setztest und meiner gedächtest! Wenn ein Mann stirbt, lebt er dann wieder auf? Alle Tage harrte ich meines Dienstes, bis meine Ablösung käme. Du riefst und ich würde dir antworten, nach dem Werk deiner Hände trügest du Verlangen.

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