Worte für den Tag | Sonnabend, 7. April 2018

Wochenende, das heißt auch Wochenmarkt. Wer sich auf den Wochenmarkt begibt, begegnet vielen Menschen und muss sich zuerst entschleunigen – alles ist dichter und langsamer, ein freundliches Gedränge. Viel Sinnliches und Erquickendes, rasch mit der Gießkanne über die Paprika und sie leuchten wie damals in der Budapester Markthalle. Es gibt tolle Angebote neben lockenden Avocados und hinreißend dunkel-hell-braunen Steinpilzen: „Die heilende Kraft der Steine“ und das „Finde-dich selbst“-Rezeptbuch. Marktmenschen – die einen preisen Güte und Zusammensetzung des Endiviensalats an und den Säuregehalt der besten Pinovaäpfel, die andern erzählen Geschichten: Wie aus dem misslungenen Apfelstrudel ein erstklassiger Likör wurde! Bekenntnisse, Schwüre und Beschwörungen und Heilsversprechen – „mit diesem frisch gepressten Leinöl wird alles heil!“ und Vertraulichkeiten: „Herr Doktor! Heute nur für Sie…! Viel Religion steckt im Wochenmarkt und Menschlichkeit. Gegen die kühle Eleganz großer Kaufhäuser ist dieser Ort ein schutzloses Paradies unterm offenen Himmel.

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Worte für den Tag | Freitag, 6. April 2018

Ein kleiner vergilbter Schein flattert auf den Küchenboden, als ich das Buch aus der Bibliothek in die Hand nehme und sich die Seiten dabei auffächern.  Boarding Pass, lese ich und erspüre mit den Fingern auf der Rückseite den Magnetstreifen, Economy, Zone 3, Sitz 21A, 28. März, no Smoke, Tarom, Aha, das Kärtchen wird ein wenig älter sein, denn eine Jahreszahl steht keine da, dafür der Name der Frau, die vor Zeiten auf dem Sitz 21A Platz genommen hat: Petra, und ein Doppelname ohne Bindestrich. Und dann entdecke ich das Wort, das Zauberwort, das in der Mitte des kleinen Abschnitts steht, das mich augenblicklich am verborgenen Geheimnis der Reise teilnehmen lässt: Kathmandu.

Kathmandu – wie hat sie dort gelebt, wen hat sie dort getroffen? Wie lange ist sie in dort geblieben? Das ruft etwas in mir wach, mehr, als ein Roman oder ein Film vermag. Kathmandu…Es gibt Wörter, da klingen Geheimnisse an: Casablanca, Tadj Mahal, Czernowitz oder Jerusalem. Es gibt präzise Bilder vom Mars, da ist jede Wölbung der Oberfläche zu sehen. Der Planet soll unserem ganz ähnlich sein…Wieder ein Mythos dahin.

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Worte für den Tag | Donnerstag, 5. April 2018

Fest der Schafschur auf dem Karmelgebirge im Norden Israels – unruhige Herden, Geschrei der Hirten und Scherer, Wüstenstaub, Geblöke, Wollberge, siedende Fleischkessel – ein Festtag! Eingeladene und Nichteingeladene sind da, auch desolate Gestalten, zehn Männer eines umherziehende Bandenführers namens David, König will er oder soll er werden, dieser David. Seine Leute verlangen ein Entgelt vom Fest, haben sie doch die Herden beschützt, vielleicht ein kleines Schutzgeld?

Der Herr des Festes heißt Nabal, reich, plump, dumm; seine Frau Abigajil. Von ihr  sagt die Bibel, sie sei von „klugem Verstand und schöner Gestalt.“ Als Nabal die Leute Davids boshaft vom Fest jagt, ist Abigajils Stunde gekommen: Sie erkennt die tödliche Gefahr einer möglichen Rache Davids an ihrem Ehetölpel – ohne ihn zu fragen, belädt sie blitzschnell einige Esel mit einer atemberaubenden Palette feinster Delikatessen – 200 Brote, 2 Schläuche Wein, 4 zubereitete Schafe, 5 Maß Röstkorn, 100 Rosinen- und 200 Feigenkuchen – für einen beleidigten Herrn die rechten Präsentkörbe…Sie zieht ihm entgegen und beide treffen unvermittelt aufeinander: Der verwegen-verführerische Jüngling David samt Soldateska, und die Schöne Abigajil mit dem mobilen Büffet. Schnell nimmt sie alle Schuld auf sich, ihr Mann Nabal ist eben wie schon der Name sagt einfach zu dumm. Wäre sie da gewesen, die Zurückweisung wäre nie, nie passiert. Und schon ist der Umschwung geschafft! Jetzt beginnt sie zu spielen, diplomatisch, redegewandt, klug. Er, David,  wolle schließlich König werden, was Gott doch schon beschlossen hat. Er muss dieser Berufung gerecht werden, sich nicht als Wüstenraubautz aufführen ohne Manieren! Abigajil versteht Davids Lage besser als er sie selbst. So eine entwaffnend charmante Politikberatung samt Königszusage hat er noch nie erlebt. Und so lässt sie ihn auf den von ihr entfalten Weg zum Thron gleiten – ob er es gemerkt hat? Und die exzellente Diplomatin schärft ihm zum Schluss ein: Geht das alles gut und er wird König, möge er sich am Ende auch an sie erinnern… Das allerdings kritisieren die jüdischen Schriftgelehrten scharf: Sie war zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet!

Ach, Diplomatie, Anmut, Klugheit, Politik – was biblischen Frauen doch alles gelingt! Nur biblischen…?

Worte für den Tag | Mittwoch, 4. April 2018

Einer der wirkungsvollsten Prediger der Botschaft von Jesus von Nazareth, der Apostel Paulus, preist seine Botschaft, sein Evangelium als eine verrückte Idee an, die viel klüger sei als das, was sonst auf der Welt als klug gilt. Er beschreibt dabei sich selbst als Narren und zwar reichlich ironisch und sarkastisch wie es sich Christen heute nicht mehr trauen. Und die Tradition der Narren geht weiter: Dietrich Bonhoeffer trug sein Lieblingsbuch immer mit sich: „Don Quichote de la Mancha“, ein Buch über einen völlig verrückt gewordenen spanischen Adligen, vor 300 Jahren geschrieben. Don Quichote hatte den Verstand verloren, weil er zu viele Ritterromane gelesen hatte. Nun zieht auch er als Ritter durch die Lande – dabei ist das Rittertum längst vorbei – ein umgestülpter Topf dient ihm als Helm und ein alter Klepper als Schlachtross. Sein Knappe Sancho Pansa hat den Wahnsinn seines Herrn zwar längst durchschaut, zieht aber dennoch treu mit.

Don Quichote und Sancho Pansa sind Narren. Ihre Abenteuer sind wilder Slapstick ohne Tiefgang. Und doch entwickeln die starken Bilder dieser Geschichte eine bezwingende Kraft.

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Worte für den Tag | Dienstag, 3. April 2018

Jetzt ist die Zeit der Ostermärsche. Die Zahl der unermüdlich Protestierenden für den Frieden nimmt dabei stetig ab. Man hat sich eingerichtet in dieser Welt. Aber:

Jesus war kein geduldiger Mensch. Er wollte die Welt und die Menschen verändern – und er wollte das jetzt und gründlich und schnell. Hartnäckigkeit ist eine Tugend, die Jesus immer wieder lobt und hervorhebt. Wer glaubt, der bittet, der fleht, der klopft an, sagt Jesus. Wer glaubt, verkauft alles für eine kostbare Perle und geht das maximale Risiko ein. Wer glaubt ist wie die bittende Witwe, die dem Richter so lange auf die Nerven geht, bis der ihr zu ihrem Recht verhilft.

Ja: Glaubende können auf die Nerven gehen – das ist anstrengend für die anderen, auch anstrengend für die Glaubenden selbst. Wer voller Ungeduld die Welt verändern will und für Gerechtigkeit eintritt, der droht dabei müde zu werden, auszubrennen, leer zu werden…Du lass dich nicht verhärten, singt Wolf Biermann darum in seinem Lied „Ermutigung“. Auch Jesus ermutigt seine Leute mit dem Versprechen: Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden!


Resignation und Verhärtung sind Feinde des Glaubens. Die unendlichen vielen Schritte, die für eine Verbesserung der Verhältnisse nötig sind, können zermürben. Rückschläge können einen zur Verzweiflung treiben. Jesus weiß das, er erlebt es selbst. Manchmal kann er die Menschen nicht mehr sehen und zieht sich zurück oder schüttelt den Staub von den Kleidern und zieht einfach weiter.

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Abendsegen | Sonnabend, 17. März 2018

Ein  kleines Mädchen wollte Gott treffen. Es packte eine Limonade und drei Schokoriegel in den Rucksack und ging zum Park. Da saß eine alte Frau und schaute den Tauben zu. Das Mädchen setzte sich zu ihr, packte die Limonade und einen Schokoriegel aus und sah, wie hungrig ihre Nachbarin zuschaute. Da gab sie ihr den Schokoriegel. Dankbar lächelte die alte Frau und das Mädchen gab ihr auch die Limonade, wieder ein wundervolles Lächeln. So saßen die beide den Nachmittag im Park, sprachen kein Wort, aßen Schokoladenriegel, tranken Limonade. Als es dunkel wurde, verabschiedete sich das Mädchen, umarmte die Frau und ging nach Hause.

Die Mutter fragte: „Du siehst so fröhlich aus!“ „Ja“, sagte das Mädchen, „ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – sie hatte ein wundervolles Lächeln!“ Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn sie fragte, warum sie so fröhlich aussehe. Sie antwortete: „Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und sie ist viel jünger, als ich dachte.“

Der Friede Gottes erfülle und beschütze uns, er verzeihe alle unsere tastenden Bilder und beschenke uns mit Staunen, wer sich mit uns an einen Tisch setzt.

Abendsegen | Donnerstag, 15. März 2018

Ein schielendes Huhn sah die ganze Welt etwas schief und glaubte daher, sie sei tatsächlich schief. Auch seine Mithühner und der Hahn sah es schief. Es lief immer etwas schräg und stieß oft gegen die Wände.

An einem sehr stürmischen Tag ging es mit seinen Mithühnern am Turm von Pisa vorbei. „Schaut euch das an“, sagten die Hühner, „der Wind hat diesen Turm schiefgeblasen.“ Auch das schielende Huhn betrachtete den Turm und fand ihn völlig gerade. Es sagte nichts, dachte aber bei sich, dass die anderen Hühner womöglich schielten.

Segne, Gott, uns alle mit unseren seltsamen Sichtweisen, segne die schwarzen Schafe und die schrägen Vögel und die bunten Hunde und den Dichter Luigi Malerba, der uns mit dieser Geschichte zeigt, dass alles auch  ganz anders sein könnte. Segne die Ruhe dieser Nacht und siehe auch uns an, wie wir sind! Wie sind wir?

Quelle: Luigi Malerba, Die nachdenklichen Hühner, Wagenbach, Berlin 1984

Abendsegen | Sonntag, 18. März 2018

Ich lese den biblischen Psalm 121 – ein Gebet zur Nacht:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen,
woher kommt mir Hilfe
Meine Hilfe kommt von Gott,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels
schläft noch schlummert nicht.
Der Herr behütet dich.
Der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit.

Abendsegen | Freitag, 16. März 2018

Nun hat für die jüdische Gemeinde der Schabbat begonnen, der wöchentliche Ruhetag. Zum Schabbat gehört nicht allein das Ruhen, sondern das Lassen, das Abstehen von, das Zurücktreten, das, wörtlich, zur Ruhe kommen. Das meint: Den Computer herunterfahren, die Handys ausschalten, Fernsehstecker herausziehen, Internet verabschieden, Förderband anhalten, alle Schalter ab-schalten, Kasse abschließen, Akte weglegen, Garage verschließen, Praxis zu machen, den Patienten alles Gute wünschen…und den Rücken strecken, die Augen schließen, die Stille kosten. Ein Auge voll Grün, eine Nase voll Märzluft, ein Ohr voll Musik, eine Zungenspitze Sherry…Einmal nicht Nordic walking, sondern südlich schlendern, nicht chatten und chillen, sondern reden und ruhen, nicht online shoppen, sondern Wochenmarkt-Geplauder und -ach, hoffentlich, eine kluge Predigt am Sonntag samt anschließendem Kirchenkaffee – Atem vom großen Atem der Schöpfung: Schabbat für gestresste Christen – rezeptfrei.

Segne uns, Gott der Wandlung, mit einem kräftigenden Schlaf, auf dass wir nicht bleiben, die wir sind!

Abensegen | Mittwoch, 14. März 2018

Ein ungewöhnliches Gebet:

„Herr, du weißt, ich bin nicht reich. Die paar Aktien, und erst die Kurse! Und das Haus – bloß 12 Zimmer. Du kennst mich, ich mag eigentlich gar keine Perlen. (Perlen machen alt. Und die vielen Diäten sind auch nicht lustig.) Herr, Du weißt, ich bin nicht mächtig. Die paar Verwaltungsräte, und das Gehalt – bloß für die Steuer. Du kennst mich, ich mag gar keine Anzüge, Anzüge trägt heute jeder Praktikant. Die vielen Einladungen gehen nur auf die Hüften. Das alles macht mich depressiv. Tu doch was!

Herr, du weißt, ich bin nicht hart. Die paar Scharmützel, und erst die Proteste..

Und die Orden – bloß für die Enkel. Du kennst mich, ich mag eigentlich gar keine Kriege. Kriege sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Und die vielen Demonstrationen rauben mir den Schlaf. Was sind das bloß für Schreie? Machen mich ganz verrückt. Tu doch was!“ Die Schweizer Theologin Jaqueline Keune hat dieses Gebt 2013 auf geschrieben, es trägt den Titel „Unschuld“ – im März 2018 käme vielleicht, „Herr, täte deiner Barmherzigkeit nicht eine Obergrenze gut? Und uns allen ein Heimatministerium?“

Ach Gott, durchlüfte unseren Kopf und unser Herz, stell uns ein Wasserglas ans Bett und bewahre unsere Nacht und die unserer Geschwister auf ihrer Flucht

Quelle: Jacqueline Keune „In Unschuld“ in: Arbeitsheft MISEROER 2013/14,