angesagt – Alle Menschen. Alle.

Ich sagte in meinem Zittern: „Alle Menschen lügen“
Wochenpsalm 116,11

„Nachtherbergen für die Wegwunden“ waren die Psalmen für Nelly Sachs in einer Welt, die viele ihres Volkes in die „sinnreich erdachten Wohnungen des Todes“ trieb. Die Jüdin aus Tiergarten, Nobelpreisträgerin und (unbekannte?) Ehrenbürgerin Berlins, schrieb dies atemlos, zitternd und empört als Verfolgte und Gehetzte, späte Schwester von Jeremia und Hiob. „Alle Menschen lügen. Alle.“ nennt der Theologe und Schriftsteller Arnold Stadler seine Psalmenübertragungen, die viele Auflagen erreicht haben. Der Satz verschlägt einem den Atem. Aber die Psalmen sind Gebrauchstexte, und was für welche! Sie sind voller Leben, wirklich, nicht buchstäblich. Sie sind schrundig, haben Löcher, brechen ab, schießen hoch, ungefügig, herzzereißend, widersprüchlich, mit schnellem Atem, jubelnd und depressiv. Leider sind sie im Gesangbuch gedruckt, als traktierten sie ein Versmaß oder als könne man sie „im Wechsel“ lesen…Wer im Herzen aufgewühlt, dankbar oder deprimiert ist, spricht nicht „im Wechsel“, sondern schreit, jauchzt, flucht und schwärmt.

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