Zum Schulbeginn, Mittwoch 10. August 2005

Wort zum Tage – Worte auf den Weg / RBB 8. August – 13. August 2005

Vor 2 Jahren starb Dorothee Sölle, eine schriftgelehrte Predigerin mit der unnachgiebigen Leidenschaft einer biblischen Prophetin. Ihr Blick galt den übersehenen Menschen in der weiten Ökumene, sie nahm aber auch die Besuche ihrer Enkeltochter wahr. Dorothee Sölle erzählt: „Dieses kleine Mädchen, dreieinhalb Jahre alt, holte alle meine Tassen aus dem Schrank und baute sich – unter meinen besorgten Augen – ein Cafe auf. Es schenkte imaginären Kaffee an imaginäre Gäste aus. Nach einer Weile sagte ihre Mutter: ‚Jetzt musst du aufräumen, wir wollen zu Abend essen’. Das Kind antwortete – nicht aggressiv, eher nachdenklich – mit dem Satz: ‚Mama, du, du denkst immer nur in echt’. Ein wunderbarer Satz!“, fährt Dorothee Sölle fort, „mir fiel dazu ein, dass ich seit etwa fünfzig Jahren wenig ‚in echt’ gedacht habe, sondern vielleicht in Träumen und Hoffen, dass es außer ‚ in echt’ noch etwas anderes geben muss. Bedeutet Erwachsenwerden denn immer nur dümmer, immer blinder, immer weniger achtsam zu werden?

Fragen von Dorothee Sölle – am dritten Schultag des neuen Schuljahres. Ob die Krise der Religion in der reichen Welt auch eine Krise des Erwachsenwerdens ist, das sich völlig der nützlichen Richtigkeit unterwirft? Von einem Fach behaupten jetzt viele, dass es überflüssig sei, dass da „in echt“ nichts Nützliches geschehe – der Religionsunterricht. Ein einheitliches Werte vermittelndes Pflichtfach soll her ohne Abmeldemöglichkeit, in dem – unter dem verheißungsvoller Zauber der Gemeinsamkeit – über kulturelle und religiöse Werte „allgemein informiert“ wird. Ich habe Religionsunterricht verstanden als eine Art Bildungswerkstatt, Heranwachsende arbeiten an fremden Erzählungen, Bildern und Geschichten. Man kann nicht aus dem Stand und aus sich selber in seinen Träumen gebildet sein. Die Wahrnehmung fremder Geschichten des Gelingens, der Freiheit und des Rechts bauen und bilden mit am Lebenshorizont der Heranwachsenden. Der Religionsunterricht kann andere Dialekte des Glaubens beachten, denn die Welt ist vielstimmig geworden, die Religionen begegnen einander. Je klarer eine Gruppe im Eigenen zu Hause ist, umso neugieriger ist sie auf andere Häuser mit deren Traditionen und Geschichten. Schülerinnen und Schüler brauchen Lehrkräfte, deren Gesicht und Lebenskontur sichtbar sind. Lehren heißt, sich ein Gesicht geben, zu erkennen geben, wer man ist, woran man glaubt. Lehren heißt zeigen, was man liebt (Fulbert Steffensky). Junge Menschen brauchen nichts dringender als dies. An einer Schulwand stand gekritzelt: „Wir suchen nach Erkenntnis und ertrinken in Information“. Das verstehe ich für den Religionsunterricht als Aufruf und nicht als Nachruf , „in echt“.

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