„Menschennot und Gottestod“ – Passionsandachten mit Gedichten von Dietrich Bonhoeffer

Auf der Homepage von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. sind Passionsandachten mit Gedichten und bildlichen Gestaltungen Dietrich Bonhoeffers abrufbar. Die von Gottfried Brezger,  Helmut Ruppel und Ingrid Schmidt vorbereitete Andachtsreihe umfasst sieben Einheiten für die sieben Passionswochen. Die hier aufgenommenen Texte, Kunstwerke und Lieder eignen sich darüber hinaus auch als meditative Elemente für Gottesdienste und bei verschiedenen Gelegenheiten in der Gemeinde, nicht nur zur Passionszeit.

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angesagt – Alle Menschen. Alle.

Ich sagte in meinem Zittern: „Alle Menschen lügen“
Wochenpsalm 116,11

„Nachtherbergen für die Wegwunden“ waren die Psalmen für Nelly Sachs in einer Welt, die viele ihres Volkes in die „sinnreich erdachten Wohnungen des Todes“ trieb. Die Jüdin aus Tiergarten, Nobelpreisträgerin und (unbekannte?) Ehrenbürgerin Berlins, schrieb dies atemlos, zitternd und empört als Verfolgte und Gehetzte, späte Schwester von Jeremia und Hiob. „Alle Menschen lügen. Alle.“ nennt der Theologe und Schriftsteller Arnold Stadler seine Psalmenübertragungen, die viele Auflagen erreicht haben. Der Satz verschlägt einem den Atem. Aber die Psalmen sind Gebrauchstexte, und was für welche! Sie sind voller Leben, wirklich, nicht buchstäblich. Sie sind schrundig, haben Löcher, brechen ab, schießen hoch, ungefügig, herzzereißend, widersprüchlich, mit schnellem Atem, jubelnd und depressiv. Leider sind sie im Gesangbuch gedruckt, als traktierten sie ein Versmaß oder als könne man sie „im Wechsel“ lesen…Wer im Herzen aufgewühlt, dankbar oder deprimiert ist, spricht nicht „im Wechsel“, sondern schreit, jauchzt, flucht und schwärmt.

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Glück, unermesslich

Zu den unerschöpflichsten Liebesgeschichten gehören die zwischen Menschen und Büchern. Nur eine Diktatur wie zum Beispiel die Perons in Argentinien konnte 1950 Demonstranten skandieren lassen: Schuhe ja, Bücher nein!“. Der Gegensatz zwischen Lesen und Leben ist von den Mächtigen immer geschürt worden – der Gedenkort für die verbrannten Bücher vom Mai 1933 auf dem Berliner Bebelplatz gehört zu den eindrücklichsten der Bundeshauptstadt. Aber Lesen ist wie atmen“, sagt Alberto Manguel in seiner unvergleichlichen Bücher-Schatzkammer Eine Geschichte des Lesens“ (Berlin 1998), deshalb war auch der Slogan mancher 68er Hört mit den Zitaten auf“ als Spitze gegen akademische Zitierkartelle kurzzeitig witzig, aber das Leben des Lebens“ gegen das Leben des Buchstabens“ zu stellen, ruft mit seiner vitalistischen Willkür unangenehme Erinnerungen wach. Ob es aus der Romantik stammt, dass das Selbst sich aus sich heraus entwickeln kann und nicht von einer Buch-Autorität erzogen werden soll? Es regiert unter Studierenden (auch der theologischen Disziplin!) eine derartige Unlust dem Lesen gegenüber, dass die Lesenden fast schon wie eine aussterbende Art angesehen werden müssen. Der Teilzeitleser“, der halbe“ Leser, der gegen irgendeine Geräuschkulisse anlesende Leser, der in der Wartehalle des Flughafens sein ausgelesenes Taschenbuch achtlos liegen lässt – es wird ihn häufiger geben.

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Schon eingebürgert?

Folglich seid ihr nun nicht mehr Fremde oder Gäste, sondern ihr seid
Eingebürgerte gleich den Heiligen und Hausangehörigen Gottes.
(Epheser 2, 19; Wochenspruch in der Übersetzung der „Liturgischen Texte in gerechter Sprache“)

Was ist neu am Neuen Testament? An Aussagen über Gott, über das, was Menschen geboten ist, ist in der Blickrichtung des Neuen Testamentes nichts neu. Theologie und Kirche haben an Zerrbildern und falschem Zeugnis wider Israel und Altem Testament intensiv gearbeitet. Was Adressatinnen und Adressaten betrifft, ist in der Blickrichtung des Neuen Testamentes alles neu. Es ist verstehbar als die Vermittlung der Gotteserfahrungen Israels an die Welt. So singt das Gesangbuch mit Schalom ben Chorin: „Von dir zu dir mein Schreiten, mein Weg und meine Ruh, Gericht und Gnad, die beiden bist – und immer du.“(EG 237).

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„Ehrfurcht vor dem Leben“

Eine Erinnerung an Albert Schweitzer

I.
Ist ein Sonntagmorgen im Februar nicht eine gute Gelegenheit, sich an den Sommer zu erinnern, sich auf den Sommer zu freuen? Gewiss, der Schnee ist auch etwas Wunderbares: Man wacht auf am Morgen und die weiße Welt leuchtet einem entgegen, weiß und rein, wie neugeworden. Eine frisch verschneite Landschaft kann so wohltuend rein sein und eigenartig still.

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99 Schafe suchen

oder
Erinnerungen an die Zukunft der Kirche

Mein Freund, der Architekt, sprang vom runden Tisch auf, eilte zum Reißbrett, zog Linien, trat zurück, prüfte, wog ab, wiegte den Kopf, setzte neu an, verbesserte, maß den Grundriss mit raschem Blick, wechselte das weiße leere Blatt, entwarf eine zweite Skizze, trat zur Seite, setzte wieder an – hier einfallendes Tageslicht, hier ahnungsvolles Dunkel, dort helle Lichtbahnen und ein Flugdach – spielte mit dem Zeichengerät, lachte und fragte: „Habe ich mich vermessen?“

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„Wer hilft uns zum Glück?“

Tage in Taizé

Tage in Taizé – das waren Tage in Burgund, Tage inmitten der Wunderwerke burgundischer Kirchenkunst, Tage in der Nachbarschaft von Cluny, von deren Kathedrale der Erzbischof von Le Mans sagte „Gefiele es dem Himmel, dürfte man den Bau die Wandelhalle der Engel nennen“, Tage der Erinnerung an den „Aufschwung 1000“, denn von hier her erneuerte sich das christliche Europa um das Jahr 1000 im Aufbruch der Mönchsorden gegen die Verschwisterung von Messe und Macht.

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2711 Steine des Anstoßes

Das Holocaust-Denkmal mit Jugendlichen wahrnehmen

Helmut Ruppel, Ingrid Schmidt

„Nach Auschwitz fährt nur, wer wirklich dorthin will. Ins Stelenfeld aber schlendern alle herein, Wissende und Ahnungslose, Bewegte und Gleichgültige, Bekennende und Leugnende. Es ist antiautoritär. Das Gedenken hier ist nicht mehr anklagend und nicht mehr anstrengend. Es ist heiter, massenwirksam, entgegenkommend. Es hat sich den Leuten zu Füßen gelegt. Aber ist es noch Gedenken?“

So lasen wir jüngst in der ZEIT unter der Überschrift „Daneben benehmen“. Und genau dies bestimmt die öffentliche Wahrnehmung: „Nicht gestattet ist von Stele zu Stele zu springen und sich in Badekleidung auf einer Stele zu sonnen, der Genuss alkoholischer Getränke und Grillen…“ Wo sind wir? Im „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ mit 19083 Quadratmeter Deutungsfläche und 2711 Stelen aus dunklem Beton? Ein Ort der Herausforderungen, verwirrend, schön, ernst und voller Anstöße.

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