Brieskow-Finkenheerd

Wort zum Tage Worte auf den Weg, RBB Donnerstag 4.8. 2005

„Welches sind die besten Mittel, dem Kindesmorde Einhalt zu tun?“ Das war die Preisfrage eines wissenschaftlichen Wettbewerbs im Jahre 1780. Unter den 400 eingereichten Arbeiten blieb die wichtigste unbeachtet: ihr Autor, der schweizerische Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi, versuchte die Ursachen für ein Verbrechen zu ergründen, über das leidenschaftlich gestritten wurde: Die Ermordung eines neugeborenen Kindes durch die Mutter. Friedrich der Große schrieb an Voltaire, die Mehrheit der Mordtaten seien Kindsmorde. Das Dunkle, Unbegreifbare, ganz und gar Grausame ist ein Rätsel geblieben. Wir hören Erklärungen, sehen die Eiseskälte der nächsten Umgebung, erleben Distanzierungen, Schuldzuweisungen – was bleibt, ist Fassungslosigkeit.

Was geschieht, wenn eine Mutter gleichsam Notwehr übt gegen das feindlich sich in ihr Leben drängende Kind? Wie kam es dazu, das Kind als Ursache aller drohenden Schwierigkeiten und Nöte anzusehen? Was ist das für eine Welt, in der es nichts mehr Wert ist, Mutter und Vater zu sein?
Da in der Bibel auf jede Antwort zehn Fragen kommen, ermutigt sie mich zu der Frage an Gott selbst: Wie konntest, wie kannst du das zulassen? Wir können Gott nicht entlassen aus dieser Frage. Wenn er Herr der Wirklichkeit ist, dann ist er auch Herr der ganzen Wirklichkeit, darum wäre jede Entlastung Gottes gleichbedeutend mit seiner Entlassung. Diese Frage an Gott ist zugleich eine Klage vor Gott. Niemand hat das Recht diese Fragen und Klagen zu beseitigen. Aus der Bibel lerne ich das Recht und die Würde der Klage vor Gott. Jede noch so dreiste Frage an Gott kommt am Ende besser zu stehen als jedes noch so korrekte Reden über Gott. Gott hat noch nicht das letzte Wort gesprochen, die Welt bedarf der Erlösung. Wir dürfen hoffen, dass am Ende alles gut wird. Die Bibel kennt nur Bilder und Gleichnisse, keine Lehrsätze. Was hier und jetzt bleibt, ist die Klage. Sie fragt zuletzt nicht nach dem „warum“, sondern danach, wie lange noch es so sein soll, dass die schöne und wunderbare Welt Gottes zugleich die schreckenserfüllte und furchtbare Welt ist. Wie lange noch das Grauen, die Gewalt, die Hungertode der afrikanischen Kinder und die Tötungen der Neugeborenen bei uns? Wie lange noch ruft ein Mensch: Wer hört mein Weinen? Nicht darauf geht meine Hoffnung, dass da einer erklärt, warum das alles so sei, oder gar, dass alles so sein müsse, sondern darauf, dass es endlich aufhört. Heute ist in Brieskow-Finkenheerd den ganzen Tag die Kirche geöffnet – ein Ort, der Trauer, der Ratlosigkeit, dem Fragen Ausdruck zu geben.