Abendsegen | Dienstag, 13. März 2018

Eine Kollegin erzählte mir von Erfahrungen beim weihnachtlichen

Krippenspiel. Da machte Lennart mit, fünf Jahre alt, gewitzt und gescheit. Die Krippe mit ihren Figuren hat es ihm angetan:

„Bei der ersten Probe: ein Griff , die Josefsfigur ist weg. Beim zweiten Mal: Maria verschwindet in der Hosentasche. Beim dritten Mal beugt er sich tief in die Krippe zum Christuskind und die Kollegin hört ihn flüstern: „Und wenn ich dieses Mal zu Weihnachten keine Ritterburg bekomme, dann wirst du deine Eltern nie wiedersehen!“ Der junge Mann hat offensichtlich zu viel Fernsehen mitbekommen. Die Kollegin war über den Entführer Lennart mit Maria und Josef in der Hosentasche bekümmert, doch: Er traut dem kleinen Jesus ja viel zu! Und greift zu unlauteren Mitteln,. Das stimmt. Doch es ist schwer, wenn man fünf ist. Später auch noch. Ich halte es mit  Karl Kraus: „In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige!“

Unser Vater, segne unsere Nacht und schenke uns eine Ahnung, dass selbst Irrwege bei dir zu Wegen werden.

Abendsegen | Montag, 12. März 2018

Huub Oosterhuis aus Amsterdam erzählt folgendes: Ein Mann hatte zwei Söhne; als er starb, bekamen sie jeweils die Hälfte des Landes. Der eine Sohn war reich und hatte keine Kinder, der andere hatte sieben Kinder und war arm. In der Nacht konnte der reiche Sohn nicht schlafen. Mein Vater hat sich geirrt, dachte er, ich bin reich, mein Bruder aber ist arm und hat kein Land für so viele Söhne. Und er stand auf, ging los, rechtzeitig die Grenzpfähle zu versetzen

Auch der arme Sohn lag in der Nacht wach. Mein Vater hat sich geirrt, dachte er, ich habe sieben Kinder, mein Bruder aber ist einsam – und er stand auf, um noch vor dem Morgengrauen die Grenzpfähle zu versetzen. Als der Tag anbrach, begegneten sie einander…

Ich sage euch, an dieser Stelle wird die Stadt des Friedens entstehen.

Gott, der uns alle geschaffen hat, lasse Wahrheit und Frieden leben in den Familien, zwischen denen, die sich nicht kennen, und denen, die sich zu gut kennen. Lass uns Geschwister werden, segne und behüte uns alle.

Quelle: H. Oosterhuis, Du bist der Atem und die Glut, Herder Verlag, 1996 (4)

Abendsegen | Sonntag, 4. März 2018

„Zwischen Dreieck Wittstock und Neuruppin 12 Kilometer Stau. Der Zeitverlust beträgt rund eine Stunde.“ Jedes einzelne Mal, wenn ich dieses Wort, Zeitverlust, höre, diese durch und durch kapitalistische Sichtweise von Warten, widerspreche ich innerlich – Warten als Zeitverlust! Gäbe es nicht ebenso so viel Grund zu sagen: Der Zeitgewinn beträgt rund eine Stunde? Wie unterschiedlich doch gewartet werden kann. Sicher wartet eine Frau in einem kurdischen Dorf anders als eine in Mailand auf der Modemesse. Warten ist oft Ärgernis, Warten ist größte Zumutung, bedeutet größte Ohnmacht.

Ich mag Menschen, die warten können, die es wagen zu warten, die zur Ruhe fähig sind, die Geduld haben. Warten ist nicht abwarten, ist nicht Däumchendrehen. Warten auf die Geburt des ersten Kindes, auf die neue Niere, auf die Heilung, auf das Ende der Trauer – das ist: sich der Ungewissheit anzuvertrauen! Festhalten daran, dass es ein Mehr, ein Besseres geben kann!

Heute war Sonntag, ein Ruhetag, ein Stärkungstag, ein Wartetag.

Unser Vater, der du die Zeit geschaffen hast, bleibe bei uns, denn es will Nacht werden und der Tag hat sich geneigt. Schenke Leib und Seele das schönste Warten, einen ruhigen Schlaf.

Abendsegen | Sonnabend, 3. März 2018

Der Berliner Pfarrer und Professor für Theologie, Friedrich-Wilhelm Marquardt, hat nach bitteren Kränkungen und Krankheit ein Wort zum Abend aufgeschrieben:

Mit jedem Abend eines Tages erinnerst du, Gott, uns an den Abend des Lebens und das Ende aller Dinge. So ist er die Zeit für den Tag zu danken und uns für den Weg in die Nacht zu befehlen.
Unser Leben danken wir dir, dir danken wir Eltern und Geschwister, die nächsten Geliebten, Genossen und Menschen. Mit ihrer Hilfe sind wir, was wir sind. Dir danken wir von Herzen, dir das Ja zum Leben und zu seinem Ende.
Dir danken wir Leib, Seele und Geist – unverdientes Überleben, Lebensfreude, Widerstandskräfte gegen Leiden, Zwänge und Angst. Aber auch Phantasie und Denkvermögen, das Leben zu meistern – allein du aber bist unser Meister.
Du bleibst, der du bist, unsere Freude und Dankbarkeit gelten dir, du unser Schöpfer und Versöhner und Befreier. Diese Hoffnung ist unsere Gewissheit, auch auf unserem Weg in die Nacht. Amen.

(Privater Nachlass)

Abendsegen | Freitag, 2. März 2018

Vor wenigen Stunden hat die jüdische Gemeinde den Schabbat begrüßt, jenen siebten Tag der Woche, an dem Gott ruhte von seiner Arbeit und uns Menschen gebot:

Ruht am Schabbat, lasst den Lärm der Geschäfte, das Joch der Plackerei hinter euch, sagt dem Tun eurer Hände Lebwohl. Enthaltet euch von aller Arbeit!

Das Wort „Schabbat“ ist schwer zu übersetzen; es heißt „ruhen“ im Sinne von „ganz sein“, eine tiefe bewusste Harmonie des Menschen und der Welt, ein Mitgefühl für alle Dinge… Es heißt sogar „Ruhe selbst von dem Gedanken an die Arbeit.“ Dazu eine Geschichte aus der jüdischen Tradition:
„ Ein frommer Mann machte einst einen Spaziergang am Schabbat durch seinen Weinberg. Er sah eine Lücke im Zaun und beschloss, sie auszubessern, wenn der Schabbat vorüber wäre. Am Ende des Schabbats beschloss er: Da ich den Gedanken, den Zaun zu reparieren, am Schabbat gefasst habe, werde ich ihn niemals reparieren.“

Für deinen Segen, der uns birgt und freundlich umgibt, sei dir, Gott, Dank!
Breite aus über uns deinen schützenden Frieden,
Führe uns recht durch deinen guten Rat,
Rette uns um deines Namens willen.

Quelle: Abraham J. Heschel, Der Sabbat, Neukirchener Verlags, 1990, 29

Abendsegen | Donnerstag, 1. März 2018

Die Schere zwischen guten Bibelkennern und vollkommen Ahnungslosen geht weiter auseinander. Es kommt dabei zu seltsamen Begegnungen:

Ein frommer Mann besucht ein Gymnasium, weil ihn der Religionsunterricht interessiert. Er fragt einen Schüler, wer wohl die Mauern von Jericho zerstört habe. Der Schüler sagt, dass er es nicht wisse, aber er sei es auf  keinen Fall gewesen.
Der erschütterte Besucher geht zum Klassenlehrer und trägt ihm das vor. Der sagt, er kenne den Schüler und seine Familie sehr gut; wenn er das behaupte, könne man ihm ruhig Glauben schenken. Der Besucher ist aufgebracht und geht mit beiden zum Rektor und berichtete alles. Darauf der Schulleiter: „Ich weiß wirklich nicht, warum Sie sich so aufregen! Wir holen uns jetzt drei Kostenvoranschläge und reparieren diese verdammte Mauer!“

Im Übrigen: Die Geschichte habe ich in der Schweiz gehört.

Gott, der uns erschaffen hat mit Stärken und Schwächen, segne die Ruhe der Nacht. Er Lasse uns erwachen mit neuer Lust, dieses große Buch wieder zu entdecken.

Abendsegen | Mittwoch, 28. Februar 2018

Wislawa Szymborska, die große Dame der polnischen Dichtung, 1996  Nobelpreis für Literatur, schrieb einen gar nicht so lyrischen „Beitrag zur Statistik“

„Auf hundert Menschen
zweiundfünfzig, die alles besser wissen, dem fast ganzen Rest ist jeder Schritt vage.
Beständige Gute, weil sie’s nicht anders können, vier, na sagen wir fünf.
Die keine Scherze dulden, vierundvierzig.
Die einzeln harmlos sind und in der Masse verwildern, über die Hälfte, sicher.
Die nach dem Schaden klug sind, nicht viel mehr als die vor dem Schaden klug sind.
Gerechte, recht viel, fünfunddreißig. Bemitleidenswerte, neunundneunzig.
Die zur Bewunderung ohne Neid neigen, achtzehn.
Hilfsbereite, wenn’s nicht zu lange dauert, gar neunundvierzig.
Leidgeprüfte, ohne ein Licht im Dunkel, dreiundachtzig, früher oder später.
Sterbliche, hundert auf hundert. Eine Zahl, die sich vorerst nicht ändert.

In dieser Nacht reiche Gott allen seine Hand, denen der Weg alleine zu schwer wird; er möge sie behüten und er lasse sein Angesicht über ihnen leuchten.
Quelle: Wislawa Szymborska, Die Gedichte. Hrsg. Übertragen von Karl Dedecius
Brigitte-Edition, Suhrkamp, Frankfurt a.M., Bd. 12, S. 313f.

Abendsegen | Dienstag, 27. Februar 2018

„Ausfahrt freihalten!“ – an den Gartenzäunen meiner Straße steht es, gebieterisch, drohend, wie „Letzte Warnung!“ Freiheit für eine aufbrechende Ausfahrt! Eine Gesellschaft im Daueraufbruch! „Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuhaus!“ – das wäre der Autoindustrie gar nicht recht…

„Ausfahrt freihalten“! Da kommt alles Streben und Hoffen auf Freiheit zusammen und wir sind ja in Produktion und Praxis eine Auto-Nation. „Dass muss ein schlechter Deutscher sein, dem niemals fiel die Ausfahrt ein!“

Zwischen allen Schildern hängt eines, das mir täglich zu denken gibt. Da steht nicht „Ausfahrt freihalten!“, sondern „Freiheit aushalten!“. Je länger ich lebe, desto sicherer bin ich: „Freiheit aushalten!“ das ist viel schwerer. So viele Völker wurden um 1989 frei und schnell wollten sie wieder Herrscher sein, gegen Fremde, gegen Andere, gegen Flüchtlinge! „Ausfahrt freihalten!“, bitte! Aber „Freiheit aushalten!“, noch die der anderen – ist das schwer! Und wie ging es mir heute?

Der befreiende Gott bringe heute Nacht unser ständiges Grübeln über Schlag und Gegenschlag zur Ruhe und lass uns morgen einander als Freunden begegnen!

Abendsegen | Montag, 26. Februar 2018

Betrat ich früher eine Telefonzelle, galt unausgesprochen die Regel „Fasse dich kurz!“ …Heute wird ausführlich kommuniziert, wenn auch nur mit einer Computerstimme:: „Wollen Sie da und da hin, wählen Sie bitte die 4, wollen Sie …die 5, und so fort. Es fehlt nur: „Wollen Sie nach alle dem aber nichts mehr, legen Sie bitte auf!“  Manchmal ist zu hören: „Sobald der nächste Mitarbeiter frei wird…“ und man denkt. „Ist das ein speed dating?“ In eine ganz andere Richtung geht die überaus liebenswürdige, ja beruhigende, trostreiche Versicherung: „Ihre Verbindung wird gehalten!“ Vom Himmel gleich tönt da eine seelsorgerlich-therapeutische Stimme: „ Was immer Sie befürchten, was immer Sie beunruhigt, was immer Sie quält – Ihre Verbindung wird gehalten! Ist es der geliebte Mensch, sind es die umsorgten Kinder, betrifft es die wichtigen Freundschaften, wo überall Zerrissenheit droht, Brüche und Trennung: „Ihre Verbindung wird gehalten!“ – nur eine Telefonauskunft – und doch ein Versprechen, das stärkender nicht erhofft werden kann…Ein Goldkorn im Alltag!

Möge unser Vater im Himmel Sie geleiten durch die Nacht; er schenke Halt in allen Verbindungen.

Abendsegen | Sonntag, 29. Mai 2016

Der Sonntag geht in diesen Stunden zu Ende. Halten wir fest, der Sonntag ist der erste Tag der Woche, der Wochenbeginn, weil er der Auferstehung des Jesus von Nazareth gedenkt, sie feiert und mit ihr die Zeit neu beginnt. Der Wunsch „Schönes Wochenende!“ gilt biblisch-kirchlich nicht dem Sonntag, und wenn alle Kalender die Woche mit dem Montag eröffnen – der erste Tag der Woche ist der Sonntag!

Ich lese den biblischen Psalm 121, das Gebet zur Nacht:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.
Der Herr behütet dich; er ist der Schatten über deiner rechten Hand.
Der Herr behüte doch vor allem Übel, er behüte deine Seele,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit. Amen