Abendsegen | Mittwoch, 29. 12.

„In der Ruhe liegt die Kraft“, mit diesem Werbespot hat mir vor Jahren ein Konfirmand auf die Frage nach der Sonntagsruhe geantwortet. „In der Ruhe liegt die Kraft“ – ich war verblüfft, genau dieser Knabe war ein ziemlicher Zappelphilipp. Wusste er insgeheim, was ihm fehlte?

Die Tage zwischen den Jahren können sehr stille sein. Die Ereignisse der vergangenen Monate ziehen vor unseren Augen vorüber: Der Tod hat einen geliebten Menschen von uns genommen, ein naher Verwandter ist schwer erkrankt, ein Kind wurde geboren, die Enkelin kam zur Schule, die Großeltern sind ein wenig „durcheinander“ geworden. Zur Pandemie ist alles gesagt, nur noch nicht von allen. Wann gibt es für die Querdenker eine Mindestzeit, in der sie wirklich denken? Was das neue Jahr bringen wird, weiß niemand.

In den Wirren des 30jährigen Krieges, um 1640, dichtete Georg Neumark:
„Man halte nur ein wenig stille, und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt, Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt“. (Ev. Gesangbuch 369)

Ich weiß sehr wohl, manchmal helfen nur Lärm und Lautsein, es gibt Lebenslagen, da hat die Stille den längeren Atem, die größere Reichweite und die bessere Perspektive.

Unser Vater, deine Liebe schütze unseren Schlaf, dass wir morgen unsere Talente nutzen können, unsere Freundschaften behüten und die Würde unserer Nächsten bewahren – vernehmbar und still.

Abendsegen | Dienstag, 28. 12.

Wir erleben die Tage „zwischen den Jahren“ – sie sind nicht bestimmt von Regeln, wie man sich verhalten soll, man kann sich treiben lassen ohne Terminkalender. Der gilt erst im Neuen Jahr wieder. Also Zeit für kleine Inspektionen a la „Wer bin ich? Wer bist du?“ oder für ein Gespräch mit dem klugen Zebra:

Ich fragte das Zebra: Bist du schwarz mit weißen Streifen? Oder weiß mit schwarzen Streifen?Das Zebra fragte mich: Bist du gut mit schlechten Gewohnheiten oder bist du schlecht mit guten Gewohnheiten?
Bist du lärmig mit ruhigen Zeiten oder bist du ruhig mit lärmigen Zeiten?
Bist du glücklich mit traurigen Tagen oder bist du traurig mit glücklichen Tagen?
Bist du ordentlich mit schlampigen Ausnahmen oder bist du schlampig mit ordentlichen Ausnahmen? Und weiter und weiter fragte das Zebra.
Nie wieder werde ich ein Zebra nach den Streifen fragen…bis zum nächsten Mal, zwischen den Jahren…

Gott, unser Schöpfer, segne unseren Schlaf; er lasse seinen Frieden einkehren auf den Schlachtfeldern unseres Lebens

Quelle: Mündlich überliefert von Schweizer Kollegen

Abendsegen | Montag, 27.12.

Wir leben „zwischen den Jahren“. Ein kostbarer Zwischenraum. Begrenzt von den zwei Großereignissen Weihnachten und Silvester. Bis Weihnachten rackern sich viele ab, um Berufliches zu erledigen, letzte Vorbereitungen zu treffen, dann kommt in vollem Lauf das Weihnachtsfest, übervoll gepackt mit Programm, Besuchen und zu viel Essen. Danach die Zeit zwischen den Jahren. Keine Familienrituale, keine Pflichtbesuche – eine wunderbare Zeit – Lesen, Musik hören, Spielen, Spazieren gehen – keine Termine. Ab und an im späten Nachmittag die kleine Frage: „Ist noch Honigkuchen da?“ Rose Ausländer aus Czernowitz in der Bukowina, dem Buchenland, erinnert sich:

Eine Freundin
backt mir Honigkuchen.
Es duftet nach Mutter
schmeckt nach Kindheit.
Die blüht noch in mir.
Birnen trinken Blütensaft
die tote Mutter schaukelt mein Bett
und singt alte Kinderlieder.
Eine Scheibe Honigkuchen
verwandelt die Welt.

Gott möge ihren Schlaf segnen mit Bildern der Kindheit, mit Lachen und Licht, mit Brot und Honigkuchen,

Quelle: Rose Ausländer, Ich höre das Herz des Oleanders, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1984

Bücherbrief zu Weihnachten und Neujahr 2021/2022
Geschichte und Geschichten

Im stimmenstarken Chor all derer, die, kritisch beeindruckt, zustimmend bis aufgewühlt, in jedem Falle herausgefordert, das neue Porträt der Familie von Weizsäcker in dem Buch von

Fridolin Schley, Die Verteidigung, Roman, Verlag Hanser Berlin, 269 S., 24 Euro

gelesen haben, weist keine Stimme auf Enzensbergers „Hammerstein oder Der Eigensinn“ (2008) hin, was aus vielen Gründen nahe gelegen hätte: Deutsche Familiengeschichte in Generationen, hohe Repräsentanzaufgaben in Regierung und Militär, Distanz und Nähe zum NS und Zweiten Weltkrieg, Folgegeschichte BRD – eine Fülle höchst kontrastiver, aufregender Parallelen. „Hammerstein“ erlebte heftige Abfuhren von der Historiker-Zunft (Götz Aly wütete dawider).
Es mag sein, dass Fridolin Schley deswegen für seine Arbeit Roman als Genrebezeichnung nahm, während Enzensberger für Hammerstein „Eine deutsche Geschichte“ gewählt hatte; denn eine Geschichte war es, eine deutsche Geschichte auch… Das Urteil Hammersteins über die Deutschen im NS, 98 Prozent seien „eben besoffen“, wird kaum zu seiner Beliebtheit beigetragen haben. Anders bei den von Weizsäckers, wo ein Untertitel wie „ Der Eigensinn“ undenkbar wäre, greift doch Schley oft zu dem Bild „Er lavierte“. Der Verteidiger Hellmut Becker bedrängte von Weizsäcker, er solle bei der Urteilsverkündigung Überlegenheit zeigen, nicht Überheblichkeit, das führt uns mitten ins Problem, dem sich der Roman von Fridolin Schley widmet: Das – in seinem Schutzverhalten dem Vater gegenüber – so verstörende Selbstbild des Sohnes, das so schwer nachzuvollziehende Verhalten des Vaters. „The United States of America vs. Ernst von Weizsäcker et.al.“ heißt 1946 der Prozess offiziell, er wird auch „Wilhelmstraßenprozess“ und intern “Omnibusprozess“ genannt, weil hinter „et.al.“ bis zu 20 Personen standen. Hellmut Becker hatte als Beistand in die „Verteidigung“ einen Sohn des Angeklagten, Richard von Weizsäcker, hinzugenommen. Es geht also nicht um Schach wie in „Lushins Verteidigung“ (Nabokov), sondern um den Nachfolgeprozess zum Nürnberger Prozess von 1945.

Seit der Apologie des Sokrates von Platon ist der Prozess das Ideal der öffentlichen Wahrheitsfindung. Die (untauglichen) Versuche, einen „Prozess Jesu“ zu rekonstruieren, der „Auschwitzprozess“ (Peter Weiss), nicht zuletzt die „12 Geschworenen“ (Lumet/Fonda) als Glanzstück Hollywoods, zeigen das Drama der Wahrheitssuche als anhaltend aktuell; genial aufgenommen von Franz Kafka, einmal im „Prozess“ und einmal im „Brief an den Vater.“ Schley wollte seinen Text erst „Befragung“ nennen, doch die innere wie äußere Dramatik der Geschichte reichte weiter, dazu war die geistige Situation Deutschlands in den ersten Nachkriegsjahren zu aufregend, ihr prägendes Personal zu bestimmend: Die Herren Wurm, Dibelius und Heuss stützen von Weizsäcker, Margret Boveri schreibt, Robert Kempner klagt an, das Ausland stellt die Kameras auf und der Sohn hilft, den Vater zu verteidigen. Ernst von Weizsäcker, seine Person steht für die Existenzfrage jener Jahre: Widerstanden oder mitgemacht? Es geht um den ranghöchsten Diplomaten eines Unrechtsstaates… Was hat er gewusst, was hat er befördert, hat er mitgemacht? Eine Frage, in der „Deutschland“ sich selbst vor Gericht gestellt sah. „Ich habe nichts mitgemacht, ich habe einen Total-Widerstand geleistet, insgesamt bis an den Rand meiner Möglichkeiten. Das nenne ich nicht mitgemacht.“ Damit ist der Nerv getroffen, damit ist der um Empathie bemühte und immer wieder befremdete Sohn Richard an jedem Prozesstag beschäftigt.

Hier liegt die Stärke des Buches: Sich einfühlen in das Denken, Handeln und Nicht-Handeln, in die Sprache und das Schweigen des geliebten Vaters, sein quälend-unbegreiflicher Ausfall an Empathie in der Menschenfeindlichkeit der NS-Welt, die er als höchster Diplomat des „Reiches“ repräsentierte. Der Sohn leidet an dem so schwer nachvollziehbaren Selbstbild des Vaters, seiner schier unerträglich vernebelnden Diplomatensprache bis in das Labyrinth der nichts und alles aussagenden Mini-Kürzeln. Und da gibt es so viele tödliche Texte, die am Ende ein „W.“ tragen. Julia Encke spitzt es zu (FAZ): „Widerstand durch Mitmachen?“ Soll es das gewesen sein? Eine geniale Lösung, nur dass es einem die Kehle zuschnürt. Im biblischen Hebräisch gibt es nur ein Wort für Kehle und Seele. Widerstand durch Mitmachen! Die emsige Persilschein-Industrie lief an…
Schley erzählt knapp, verdichtet, diskret, fragend-tastend, mit großen Bögen ins „Heute“, setzt an zu atemberaubenden Porträtskizzen, unter denen Hellmut Becker (ab 2. Mai 1937 NSDAP-Mitglied), der in der späteren Bundesrepublik als Bildungspolitiker Karriere machte, am schärfsten gezeichnet ist. Sein Plädoyer gipfelte in den Worten: „Weizsäcker…ein Christ, ein Diplomat im besten Sinne des Wortes, ein wahrer Patriot“. Dass er Thomas Mann ausbürgern wollte, war Becker neben so vielem anderen irgendwie entgangen. Ein Glanzstück für jedes politikwissenschaftliche und historische Hauptseminar! Schleys Buch über Schuld und Unschuld, Opfer und Täter, Moral und Gewissen ist eine fragende Erkundung; sie beginnt mit dem biblischen Satz „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Dank Schleys Arbeit ist wieder darauf zu hoffen.

Am 1. April 1938 war von Weizsäcker in die NSDAP eingetreten, wurde Staatssekretär im Auswärtigen Amt, in die SS aufgenommen, später SSBrigadeführer samt Totenkopf-Ehrenring und SS-Degen – offenbar ein verlässlicher Mann der Macht. Wir wissen nicht präzise, wo er und mit welchen Kenntnissen er den Februar 1933 verbrachte, offiziell Gesandter in Oslo. Ob er vom blitzschnellen Verjagen der deutschen literarischen Elite im Februar 33 nichts erfahren hatte? Den Taliban in Kabul gleich, trieb die neue Macht in wenigen Wochen die tonangebenden Stimmen in Literatur, Theater und Presse in die Flucht, ins Untertauchen, in katastrophische Kälte, zu lesen bei


Uwe Wittstock, Februar 33, Der Winter der Literatur, Verlag C. H. Beck ,
288 S., 24 Euro

„Berlin, 7.2. 1933 – Mein liebes Kind! Grippewelle u. Heil Hitler beherrschen den Markt…die Grippe ist sehr schlimm. Humlis Klasse ist schon 2 Wochen geschlossen, er selbst gesund u. sehr vergnügt ob der Extraferien…ich war letzten Montag im Faust u. schaute in der Pause auf den Gendarmenmarkt hinunter, da zogen unabsehbare Fackelzüge nach den Linden.

Eine Stunde später, in der 2. Pause, zogen sie noch immer. (Wo hatten die Nazis so schnell 20 000 Fackeln her?). Sonst aber herrscht eigentlich Ruhe…“ Betty Scholem schreibt ihrem Sohn Gershom (Gerhard) nach Jerusalem, wie sie den 30. Januar erlebt hat, äußerlich beruhigt, zwischen den Zeilen zittern Ahnungen. (Betty Scholem-Gershom Scholem, Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917-1946, C.H. Beck, 579 S.).

Uwe Wittstock erzählt den gesamten 30. Januar unter der Überschrift „Die Hölle regiert“: Joseph Roth nimmt sofort am Morgen den Zug nach Paris, Egon Erwin Kisch trifft in Berlin ein, Klaus Mann verlässt die Stadt, Georg Kaiser und Hermann Kesten lesen die BZ-Schlagzeile „Adolf Hitler, Reichskanzler“, Carl von Ossietzky verlässt die U-Bahn, um sich den Nazi-Rummel anzusehen, Hermann Kesten und Erich Kästner bereden die mögliche Flucht in der Weinstube Schwanneke, Harry Graf Kessler sieht vorm Hotel Kaiserhof die Nazikolonnen marschieren, Hitler befasst sich mit dem Gerücht, Hammerstein wolle gegen Hindenburg putschen…so geht es über Stunden am 30. Januar, präzise literarische Miniaturen in rascher Folge, gleich packenden Filmsequenzen. Wittstock beginnt sein Buch mit einem erzählenden Großphoto vom alljährlichen Presseball am 28. Januar auf dem sich tout Berlin trifft…und endet am 15. März. Besondere Aufmerksamkeit erhalten Else Lasker-Schüler, Ernst Toller, Carl von Ossietzky, Nelly und Heinrich Mann, Thomas Mann, Gottfried Benn, Vicky Baum, Alfred Döblin, Ricarda Huch (!), Gabriele Tergit, Oskar Loerke, Erich Mühsam, Bert Brecht und die wichtigsten Stimmen der Preußischen Akademie der Künste, deren Um-Fall zu den beschämendsten Kapiteln der rigorosen Gleichschaltung gehört. Deutschland hat sich von dem faschistischen Furor im Februar 33 nicht mehr erholt – und Wittstock lässt es miterleben, mithören, mitlesen, aber auch mitaushalten?
Hermann Göring, preußischer Innenminister nannte die Ziele der Naziherrschaft: „Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche juristische Bedenken. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts!“ So geschah es. Es gingen so viele, mit Schirm und kleinem Koffer, um nicht aufzufallen…Von Seite zu Seite denkt man: Was geschähe heute in ähnlicher Lage? „Widerstand durch Mitmachen?“ Der „rasenden Verwandlung Deutschlands in eine Hölle aus Diktatur und Terror“ (Sten Nadolny), dem „Winter der Literatur“ , dem „furchtbaren Augenblick“ (Lessing) ist Uwe Wittstock gerecht geworden. Respekt!

Günther Rühle gebührt dieser Respekt in gleicher Weise für seine großartigen Arbeiten zur deutschen Theatergeschichte: „Theater in Deutschland 1887-1945“ , ein Grundlagenwerk. Ohne ihn wären Marieluise Fleißer und Alfred Kerr kaum erkennbar geblieben. 25 Jahre war er prägender Redakteur im FAZ Feuilleton, später beim Tagesspiegel. Frontenwechsler als Intendant in Frankfurt. Respekt soll ihm gezollt werden für etwas Außerordentliches, Unglaubliches, Einmaliges: Ein 96jähriger schreibt ein Tagebuch!

Günther Rühle, Ein alter Mann wird älter. Ein merkwürdiges Tagebuch, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Gerhard Ahrens, Alexander Verlag Berlin, 232 S., 22,90 Euro

Ein Mensch, der sein Leben mit kritischem Hinsehen, mit dem analytischen Blick auf die Bühne, verbracht hat, verliert die Sehkraft – „trockene Makula“ und die technisch-digitale Welt verliert ihre Konturen. Computertastatur, Radio, Faxgerät, CD-Plattenspieler, Mikrowelle mit ihrer Knopfleiste – „Auftauen“ – das zunehmend tastende Bewegen in der Wohnung, das alles muss bewältigt werden. Kleine Katastrophen zuhauf. Nun sieht er nur noch ein Ziel: „Ich wehrte mich gegen das Veraltern im Alter“, das Gefüttert-Werden, wie es den verehrten, großen klugen Köpfen widerfuhr, Walter Jens und Joachim Kaiser. Nun kämpft er gegen das „Ent…“, entbehren, entsagen, enthalten – bis zum entsorgen? Währenddessen strömen die Erinnerungen an die Kindheit, die Kollegen, die Künste. Er schreibt ein in des Wortes erster Bedeutung „merkwürdiges“ Tagebuch, vom Oktober 2020 bis zum 27. April 2021. Uneitel, voller Anekdoten, mit ironischer Milde, antinarzistisch, verstört, aber klaglos, plötzlichen Kindheitssignalen, alltagsreal: „Seit ich nicht mehr lesen kann, haben die Tage mindestens 47 Stunden.“ „Das Altern ist eine Blüte der Hoffnungen im Zustand des Schrumpfens. Ich habe mich heute in ein Schwimmbecken von Hoffnungen gestürzt und jetzt läuft irgendwo das Wasser weg…“
Gerhard Ahrens hat aus allem ein „Tagebuch“ werden lassen, gerahmt, mit Anmerkungen gestützt und herausgegeben samt einem Nachwort „Der andere Günther Rühle“ – eine des Dankes werte Assistenz! Wie mag es Günther Rühle heute gehen? Er ist Jahrgang ’24…Im Alter nicht veralten! Danke für diesen Anstoß!

Dies Problem besteht für die Autorin, die wir jetzt vorstellen wollen, in keiner Weise! Es heißt, Juden seien Menschen wie alle anderen auch – nur ein wenig mehr. Das ist nicht überheblich, sondern selbstironisch, wie überhaupt kein Volk der Erde sich mit seinem Witz so umfassend über sich selbst lustig macht wie das jüdische. (Das kann auch gefährlich werden, wenn Antisemiten anfangen, jüdische Witze zu benutzen…) Im Alter veralten? Das kann nicht sein für Lizzie Doron, deren so mündliches, so fragendes, so streitendes, so herzzereißendes, so liebendes Buch wir hier vorstellen, nein, Ihnen ans Herz legen wollen.

Lizzie Doron, Was wäre wenn, Roman, Aus dem Hebräischen von Markus Lemke, Deutscher Taschenbuchverlag, 144 S., 18 Euro

Sie ist 1953 in Tel Aviv geboren (heute mit Zweitwohnsitz in Kreuzberg) und erzählt mit ihrer Lebensgeschichte die Geschichte des Staates Israel. Dieses Viertel in Tel Aviv hat sie geprägt: „…in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, geht man nicht verloren. Der Mann aus Sobibor kennt die Frau aus Bergen- Belsen gut, und sie bringt mich zu der Frau aus dem Ghetto Krakau, die mich schließlich zu der richtigen Mutter aus Auschwitz zurückbringt.“ Ihre Eltern sind Schoah-Überlebende, vor allem mit der Mutter bringt das Generationenkonflikte. Lizzie – in der Grundschule wurde aus Elisabeth Alisa, später Lizzie – ist träumend-leidenschaftliche Zionistin und gerät mit der Mutter aneinander: „Ein unsagbar schönes Leben liegt vor uns, und nur meine Mutter verdirbt die Stimmung. ‚Was ist denn würdiger als die Heimat?‘, halte ich ihr vor. ‚Wem sonst sollen wir unser Leben widmen?‘ ‚ Wenn…‘, sagt sie, aber ich fahre ihr gleich über den Mund. Ich weiß, sie will sagen, wenn ich im Holocaust gewesen wäre, würde ich sie verstehen. ‚Ist es das, was du willst?‘, stichle ich. ‚Dass ich auch an deinem Holocaust teilnehme?‘ ‚ Die Mutter, traumatisiert, der Erinnerungen voll und von Opfererfahrungen gezeichnet – die Tochter, bereit zu Stärke, Aufbau, Verteidigung und Überlebensenergie – die Generationen dürfen nicht zerreißen! Ein Anruf aus dem Krankenhaus versetzt den Alltag in heftige Schwingungen, Yigal, die frühe und nie ganz vergessene Liebe, liegt im Sterben und bittet um eine letzte Begegnung. Yigal, er war Nähe und Horizont aller Wünsche und Träume, mit dem Zeug zum Generalstabschef und heute Friedensaktivist. Er wird sterben und sie geht aus dem Krankenzimmer, sein „Danke“ im Ohr, und sagt“ ‚Bye‘ – als würden wir uns morgen wiedersehen.“

Damit beginnt das Buch der Erinnerungen, der Lebenskorrekturen, Kriegserlebnisse, der vielen Lebensschwingungen in einem kleinen Land, dem die Schatten der Vergangenheit die Horizonte der Zukunft noch immer nicht leuchten lassen. Lizzie Doron erzählt unbeirrbar, unbezwingbar, unbeeinträchtigt, zutiefst menschlich, geschwisterlich und mit unverwandtem Blick auf eine mögliche Mitarbeit am Frieden. „Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen“, war die zionistische Verheißung, „Was wäre wenn…“ bleibt die Aufgabe.

Hat heute Lizzies Doron eine Zweitwohnung im Westberliner Kreuzberg, weil ihre Mutter noch in Polen von einem Studium in Berlin träumte, so verbindet Barbara Honigmann mit Ostberlin ihre Kindheit, Schulzeit, Studium und erste berufliche Praxis. Ein wenig kennen wir die Ostberliner Situation der Kinder zurückkehrender jüdischer Emigranten aus den Büchern von Irina Liebmann.

Die Eltern kamen als Juden aus englischem Exil zurück und gingen wie selbstverständlich in das „andere Deutschland“ mit seinen kleinen nichtjüdischjüdischen Gruppen. Heute wohnt Barbara Honigmann in Straßburg, deren jüdische Gemeinde ihr wohltut. Welcher Strömung innerhalb des dialogfreudigen Judentums gehört sie an? Liberal ? Modern-orthodox ? Darauf geht sie in einem wunderbaren kleinen Text ihres neuen Buches ein:

Barbara Honigmann, Unverschämt jüdisch, Hanser Verlag, 159 S., 20 Euro

Das Buch sammelt Dankesansprachen, deren Anlass Preisverleihungen waren, von denen sie viele erhalten hat, so viele, dass ein eigener Band sie sammeln konnte. Mit selbstgewisser Mündlichkeit spricht sie über Menschen, Themen und Orte, die mit den Auszeichnungen verbunden waren. Darunter auch den kleinen Text „ Das Problem mit der Kopfbedeckung“. Sie fühlt sich einer Gruppierung nahe, die schomer mitzvot in der Lebenspraxis üben, „ das heißt, uns ohne übertriebenen Eifer darum darum bemühen, die Gebote und Verbote zu beachten.“ Dabei werden sie Grenzgängerinnen zwischen den tonangebenden Traditionen – ein sehr bewusst gelebtes Judentum. Dem entsprechen viele der Reden, mag es um Ricarda Huch oder Elisabeth Langgässer gehen, um Jakob Wassermann oder das Paar Kafka und Proust, um „Erinnerung und Erzählung“, stets steht die Frage nach dem „un-verschämten“ Judentum im Zentrum.
Sartres „ Betrachtungen zur Judenfrage“ waren 1963 bei Ullstein erschienen, das Bändchen wurde von Westnach Ostberlin durchgeschmuggelt und die vierzehnjährige Barbara Honigmann entdeckte, dass der Titel „Juif inauthentique“ mit „verschämter Jude“ übersetzt worden war. „Inauthentique“ ist nicht „verschämt“ – sondern „authentisch“, besser: kräftiger, klarer „un-verschämt“! „Wahrscheinlich ringe ich seit meiner Lektüre dieses Buches als 14jährige damit, mein Judentum, in das ich hineingeboren wurde, un-verschämt zu leben und schließlich, erwachsen geworden, auch so davon zu sprechen, zu erzählen, zu schreiben“. Und angesichts der erworbenen Selbstgewissheit und ausstrahlenden Freude, mit der sie das tut, kann man sich nur verbeugen, ihr zuhören und viel von ihr lernen! Vielleicht auch die charmante Gelassenheit? „1700 Jahre Judentum in Deutschland“ – welch ein Geschenk!

Ein Geschenk in finsteren Tagen ist auch das „Szenario“, das für die Pandemie-Plagen wie gerufen erscheint:

Ljudmila Ulitzkaja, Eine Seuche in der Stadt, Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, Hanser Verlag, 112 S., 18 Euro

Es ist Pandemiezeit, man bleibt besser zu Hause. Ljudmila Ulitzkaja nutzt die Zeit zum Aufräumen alter Papiere. Da fällt ihr ein Manuskript von 1978 in die Hände, „Tschuma“, heißt es , „Die Pest“ – ein Pestausbruch in Moskau, der dank einer dichten Schweigemauer und des extrem effizienten NKWD nahezu unbekannt geblieben. Der Vater einer Freundin war als Pathologe an den Ereignissen beteiligt – er erzählte davon…und Ulitzkaja als interessierte Genetikerin nahm den Stoff auf, entwarf ein „Szenario“ und bewarb sich damit für einen Drehbuchkurs. Der Text verschwand in der Schublade – bis sie ihn wieder entdeckte, sehr zeit-gerecht, überaus aktuell. Da aber gerade Camus‘ „Pest“ ständig gedruckt wurde, bekam Ulitzkajas „Tschuma“ den Titel „Eine Seuche in der Stadt“; sehr zutreffend und mit dem Wort „Seuche“ dicht an der drohenden Moskauer Katastrophe. Karl Schlögel hat in „Traum und Terror“ die Jahre 1938/39 in der UDSSR mit ihren alptraumhaften Prozessen und Säuberungen beschrieben.

„Schwarze Raben“, die Verhaftungswagen des NKWD fuhren zu vielen Adressen, zu denen der schon Infizierten und zu denen der bald Inhaftierten. Die Prozess-Schatten fallen auch in die Pestbekämpfung. Was war geschehen? Ein Forscher hatte sich, irritiert durch einen Anruf, der ihn nach Moskau beorderte, unversehens angesteckt, war auf der Reise vielen Menschen begegnet, in Moskau mit Kollegen Gespräche geführt, erkrankte augenfällig und allen Beteiligten war klar: Pest! Mit unvorstellbarer Rasanz geschieht nun eine Totalabsperrung, sämtliche denkbare Quarantänemaßnahmen werden ergriffen, die Kontaktverfolgung des Infizierten vollzieht sich mit dem NKWD-Apparat perfekt und hocheffizient. Spätestens jetzt ist es unmöglich, beim Lesen zu unterbrechen. Dann tritt auch ein „Sehr mächtiger Mann mit georgischem Akzent“ auf, der kabarettreif sagt: „Gut! Wir helfen. Bei den Listen und auch bei der Liquidierung‘. Der Volkskommissar erstarrt. ‚Nein, nein, es geht nur um Quarantäne. Nicht um Liquidierung’“ Es gibt groteske wie beklemmende Szenen. Der vollständige Staatsapparat wird vorgeführt, noch immer ein Alptraum. Es gibt Helden, Bösewichte und Ungerührte. Der Text ist keine Blaupause für heute, dennoch geben wir Ljudmila Ulitzkaja das Schlusswort „Die Welt verändert sich auf unvorhersehbare Weise, und ich hoffe, dass diese neue Prüfung…uns nicht noch weiter voneinander trennt, uns nicht noch egoistischer macht, sondern im Gegenteil zu der Ansicht führt, dass es in der globalisierten Welt zu viel Hass und Brutalität gibt und zu wenig Solidarität und Mitgefühl. Das aber hängt von uns ab.“

Ein kleines Geschenk – mit Klugheit und Liebreiz

Eine Geschichte zu erzählen bedeutet, all die Bruchstücke der Welt – Erfahrungen, Träume, unverhoffte Begegnungen, gelungene Zeiten des Glücks – zusammenzufügen. Das gelingt am ehesten mit einem liebevollen Blick, einer behutsamen Zuwendung. Die erste Leistung einer Erzählung ist, dass sie Entferntes herbeiholt. Geschehenes in die Gegenwart holt. Geschieht das bei biblischen Geschichten und wird die größte Unfallursache beim Erzählen, die gute Absicht, vermieden, kommt es zu lebhaften Entdeckungen. Das ist geglückt in dem Band

Die Bibel und ihre kühnen Geschichten, Das 1. Buch Mose, für Kinder zwischen 12 und 120 Jahren erzählt und illustriert von Peter von der Osten-Sacken, Kulturverlag Kadmos, 153 S., 19,90 Euro

Nacherzählen heißt neu erzählen und so heißt es zu Beginn: „Für Leo, Carlo und Hannah“, Enkel sind oft erste Adressaten…Ein jüdischer Geburtstagsglückwunsch heißt „Auf 120 Jahre!“ – so wird die Erzählung allen Altern empfohlen! Man möchte gleich den Eingang „Der erste Tag der Schöpfung“ zitieren, weil mit dem „Anfang“ schon der erzähllustige, mithörend-fragende, lehrend-heitere, Kenntnis verschenkende, liebevoll-deutende, Antworten erprobende und mit suchbereiterstauntem Humor der Ton angegeben wird. Nie „gute Absichten“, nie fade vorhersehbar, im Gegenteil: mit solidarischer Detektivarbeit beim Begreifenwollen, beim lupennahen Mitlesen ist der Erzähler den Mithörenden nahe und weiß manchmal selber nicht, was „hat es zu bedeuten“. Der Erzähler als Mithörer, der nie das Perfekt wählt und damit alles weiß, sondern das Im-perfekte, das Unabgeschlossene scheint ihn wie die Lesenden nicht loszulassen. Da gibt es bei den sieben Schöpfungstagen so viel zum Kopfschütteln und Kopfnicken, Kopfsenken und Kopfheben, dass man nur rufen kannn: „einen Einser für den Schöpfer der Welt!“ Es wird auch oft leise beim Erzählen, ein verschwebendes Schweigen…Man hat gesagt, Literatur gründe auf liebevoller Zuneigung, ja, und hier kommen die von Behutsamkeit erfüllten, zärtlich hingetupften, dazwischen geschubsten Illustrationen hinzu, die vieles anschaubar, ansehnlich machen. Der Ordinarius, der „Hoch“-schullehrer für Neues Testament und Jüdische Studien, verlässt seinen Lehrstuhl und setzt sich in den Kreis jüngerer und älterer Zeitgenossen, hört mit, denkt mit und teilt mit – hier und da aus dem Schatz des Erlernten – zu Nutzen und großer Freude aller Generation.

Worte für den Tag | Sonnabend, 10. Juli 2021

Überall sind die Menschen jetzt wieder unterwegs, es ist Urlaubszeit, Ferien. Der lateinische Name feriae bezeichnete im alten Rom die registrierten Feiertage, an denen Arbeit und Rechtspflege ruhten. In der Wurzel des Wortes steckt auch unser Wort „Fest“. Ferien wären demnach Festtage der Arbeitsruhe und der Gottesverehrung. Die Arbeitsruhe hat sich durchgesetzt, der religiöse Sinn hat sich zum Fest zur großen Ausreise gewandelt. Doch halt, zu keinem Zeitpunkt des Jahres werden so viele Kirchen, wenn schon nicht zum Gottesdienst besucht, so doch zumindest besichtigt.

Ferien – verregnete Campingplätze, gestohlene Geldbörsen, streikende Piloten, dauerpausierende Lokführer, Sonnenbrände, Abschleppdienste, warme Sprudel – was soll das schon? Ferien!
Zum schönsten in den Ferien gehört ein kühler Trunk am Abend. Den gibt’s auch sonst, aber in einem slowenischen Weingewölbe, einem elsässischen Landgasthaus, auf einem umbrischen Bauernhof, in einem schwedischen Pfarrgarten, an einem mecklenburgischen Ostseestrand – das ist ein Vorgeschmack des Himmels.
So heißt es im biblischen Buch der Sprüche: „Ein kühler Trunk für eine lechzende Seele ist wie eine gute Kunde aus fernem Land.“ Am besten aus einem irdenem Krug, zum Sammeln, Schenken, Fassen und Ausgießen bestimmt, er erquickt die Kehle und damit Seele. Die Bibel kennt nur ein Wort für Seele und Kehle…
Ein kühler Trunk – das klingt im Deutschen, als stecke in den Worten schon der Krug, man sieht förmlich die Wasser- oder Weinperlen außen herabrinnen. Eine lechzende Seele, eine schmachtende Kehle, braucht eine Rast am eiskalten Bach. „Ein kühler Trunk für eine lechzende Seele ist wie eine gute Kunde aus fernem Land.“ – Gute Kunde, klingt etwas feierlich, altmodisch, aber jeder versteht, was gemeint ist: „Die Operation ist gelungen“ oder „Wir laden dich ein“ oder „Wir fangen nochmal an.“. Bei dieser Kunde jubelt die Seele wie die Kehle über einen kühlen Trunk. Diese Worte schrieb ich bei 35 Grad neben einem kühlen Krug für meine lechzende Seele.

Worte für den Tag | Freitag, 9. Juni 2021

Es war in einer Videokonferenz. Viele müssen sich mit diesem Format notgedrungen anfreunden. Ich erfahre diese Kommunikation als mühsam. Ich starre auf Einzelbilder vor mir, höre Einzelne sprechen, vieles geht verloren, hier ein Räuspern, da die hin und her schießenden Blicke zwischen anderen, das Atemholen zu einer Antwort. Ich selbst muss viel disziplinierter sprechen, stärker moderieren – Anstrengungen, die mich rascher ermüden. Eine Kollegin sagte: „Nun überleg mal, dass Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen das jeden Tag leisten müssen. Du machst ein „Praktikum in Behinderung’“. Ich sehe Menschen mit Beeinträchtigungen jetzt anders, sie müssen ein Vielfaches mehr leisten als andere ohne Sinnesbeeinträchtigungen.

Freunde erleben das auch, verarbeiten es unterschiedlich, anders. Einer schrieb mir eine sehr humorvolle Skizze:

Kürzlich habe ich mich in einer Videoaufnahme gesehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob da nicht ein Fehler passiert ist. Dieser Mann kam mir zwar von fern bekannt vor, eigentlich war er mir vor allem fremd. So bewege ich mich doch nicht. So rede ich auch nicht. So blicke ich nicht in die Welt. Ich kann mich aber an die Aufnahme erinnern. Wahrscheinlich bin ich das also doch.
Plötzlich bin ich erschrocken: Alle meine Freunde und Kollegen, die Familie, die meinen gar nicht mich, sondern diesen da. Die meinen denen, wenn sie über mich reden. Und die Frau, mit der ich über 50 Jahre verheiratet bin, liebt einen Fremden. Den! Dann kennt sie mich also gar nicht. Sie und die anderen wissen gar nicht, wer ich bin… Niemand von allen weiß, wie es sich anfühlt, ich zu sein. Meine Arbeitsstelle hat dann auch der andere erhalten. Wenn herauskommt, wer ich wirklich bin, werde ich womöglich entlassen. Gibt’s denn jemand, der mich wirklich kennt`?
In meiner wachsenden Not habe ich zur Bibel gegriffen, es heißt ja immer, das solle man tun. Und wirklich, da fand ich den Satz, der war schon vorher rot angestrichen:“ Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ Wenigstens einer, der mich kennt. Und dann bin ich noch über einen Satz gestolpert von einem Yogi oder so: „Der andere bist du.“
Ich weiß nicht…

Worte für den Tag | Donnerstag, 8. Juli 2021

Meine Schweizer Kollegin Jacqueline Keune in Luzern hat einen Freund, er heißt Urs. Urs ist blind.
Einmal ist er auf dem Boulevard in Freiburg in eine Baugrube gefallen, weil die Arbeiter nicht daran gedacht haben, dass jemand das Riesenloch nicht sehen könnte. Und weiter erzählt sie, dass er einmal am Bodensee mit dem Gesicht gegen die Heckklappe eines Lasters geknallt ist, weil der Fahrer nicht überlegt hatte, dass jemand den Riesenlaster übersehen könnte und ihn halb auf dem Trottoir abgestellt hatte.
Ich erinnere mich an das halbe Blindseins, wenn ich mit Maske und Brille auf dem Wochenmarkt zwischen den Ständen herumsteuere oder an der Kasse irgendwie fast blind, wie ich empfinde, Münzen aus der Tasche fingere und 50cent nicht von 20cent unterscheiden kann. Gewiss, Bagatellen, nicht zu wähnen, und sie verschwinden ja wieder.

Aber Jacqueline Keune erinnert mich an die Szene, in der Jesus mit Freunden und Freundinnen, die seinetwegen alles verlassen haben, irgendwo in Galiläa unterwegs ist und einen Mann trifft, der am Straßenrand sitzt und seit Geburt blind ist. Die Gruppe redet über ihn, vor allem, wer schuld ist an seinem Lebenselend. Sie fragen Jesus: Sind die Eltern schuld? Er selbst? Es muss doch einen Grund geben, dass er blind ist. Wir können doch alle sehen! Jemand muss doch Schuld haben! Und meine Kollegin schreibt mir voller Empörung: „Der Darmkrebs hat meine Freundin weniger verletzt als die Mutmaßungen ihrer Nächsten, warum sie ihn bekommen hat.“ Ja, ich habe es selbst erlebt, man will diese schnelle Schuld finden. Am Ende ist die Kranke immer selbst schuld, es ist fürchterlich!

Jesus will nun Ursachen, Herkunft und Schuld nicht zum Thema machen, wie es heute oft amateur-therapeutisch quacksalbernd geschieht. Er sagt – so steht es im Evangelium des Johannes – „So lange ich in der Welt bin, werde ich für diese Welt das Licht sein.“ Und dann geschieht etwas, angesichts dessen jeder Mensch sich beim ersten Hören die Haare rauft: Jesus spuckt vehement auf die Erde, rührt mit dem Speichel eine, mein Enkel würde sagen, eine Pampe an und schmiert sie dann dem Blinden auf die Augen und – lässt ihn in die Zukunft schauen.
Jacqueline Keune aus Luzern schreibt, dick unterstrichen: „Wenn Leiden irgendeinen Sinn haben soll, dann den, dass es geheilt oder gelindert wird.“ Ihr Schlusswort heißt; „Spucke und Erde – so weit das Auge reicht.“

Worte für den Tag | Mittwoch, 7. Juli 2021

Auffallend viele Bücher erscheinen zur Zeit mit Titeln wie „Unter freiem Himmel“, „Kraftort Wald“, „Einfach raus!“, „Wieder Land sehen“, „Unsere einzigartige Erde“, „Für Natur“, es sind bebilderte Tipps zum Leben im Freien. Das ist der Pandemie geschuldet; wobei der Aufbruch etwas angestrengt klingt, Aufbruch mit Anleitung. Da klingt der Aufbruch bei Paul Gerhardt 1556 im Evangelischen Gesangbuch doch beschwingter:

„Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit…“ Paul Gerhardt, der große evangelische Liederdichter, schrieb vor fast 500 Jahren nach einem 30jährigen Krieg, also einer unvorstellbar tödlichen Pandemie, der damals größten menschlichen Katastrophe auf deutschem Boden.
Und: Er begann bei sich selbst. „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Garten, schau an der schönen Gärten Zier und siehe wie sie dir und mir sich ausgeschmücket haben.“ So geht es 15 Verse dahin mit Lust, Vergnügen, Ergötzen in Heiterkeit: „Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide; Narzissen und die Tulipan, die ziehen sich viel schönen an als Salomonis Seide. Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein flieht aus seiner Kluft und macht sich in die Wälder, die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel Tal und Felder…“

„Sehet die Lilien auf dem Felde“, hat Jesus gesagt, sie sind viel schöner Salomos Seidengewänder,
Und dabei waren die Lilien Unkraut im Graben und Salomo der schönste Traumkönig Israels – ganz schön spitz. Und ganz schön stark von Paul Gerhardt gegen Seelenzerstörung, erlebtes Elend und tiefes Leid anzusingen. Das Herz soll sich einen Ruck geben hinauszugehen und den Garten vor dem Haus auszuweiten zum großen Schöpfungsgarten, in dem die Süße des Lebens und der Genuss der Schöpfung warten. Versailles, Ludwigsburg und auch Potsdam haben schöne Gärten, herrschaftliche Gärten, sie waren nicht immer für alle zugänglich! Gerhardts Garten ist der Schöpfungsgarten, der war immer für uns alle zugänglich.

Am Ende verblüfft Gerhardt mit einer tollen Drehung: Der Mensch wird gleichsam botanisiert: Er wird zur Pflanze und pflanzliches Leben wird zum Bild für menschliches Leben:„ Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben; verleih, dass zu deinem Ruhm, ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“ Nicht alltägliche, aber anziehende Bilder: Als schöne Blume ein Teil von Gottes großem Garten sein, ohne Stress und Anpassungsdruck. Können wir der Einladung folgen: „Ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen, aus meinem Herzen rinnen…?

Worte für den Tag | Dienstag, 6. Juli 2021

Zuweilen wird in diesen „Worten zum Tage“ und „auf den Weg“ geseufzt, getröstet, ermutigt, wundervolle Erfahrungen werden erzählt, biblische Horizonte eröffnet und alltägliche Herausforderungen entfaltet, Menschen porträtiert und an Festtagen nachgedacht, was es denn zu hoffen gibt. Es wird nicht geweint und auch etwas zu selten gelacht…
Heute soll es zumindest um ein Lächeln gehen. Da gibt es einen Psalmvers, der vor lauter Schönheit fast heiliggesprochen ist, so wird er nicht mehr interpretiert, nur noch zitiert bei erhebenden Anlässen. Er lautet: „Güte und Wahrheit begegnen sich, Gerechtigkeit und Friede küssen sich“, Psalm 85, 11. Paul Gerhardt sang das Programm der Ökumenischen Bewegung – Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – schon vor fast 500 Jahren: „ Die Güt und Treu werden schön einander grüßen müssen, Gerechtigkeit wird einhergehen, und Friede wird sie küssen!“ Geht noch mehr?
Nein, es sei denn, man sieht mal kurz auf den hebräischen Text des Psalmverses: – Ach! Den kann man anders übersetzen: Gerechtigkeit und Frieden treffen aufeinander und kämpfen miteinander.

Das hebräische Wort, das mit küssen übersetzt wird, heißt auch „gegeneinander stoßen, etwas zusammenfügen, auch Waffen, auch Mund an Mund fügen, also küssen. Ein alter Ausleger sagt: „An einem Weltende herrscht Frieden, am anderen Gerechtigkeit; treffen sie sich in der Mitte, küssen sie sich.“ „ Schwerter zu Pflugscharen“ ist eine anschauliche Utopie, doch diese ist charmant, sinnlich und ge-schmack-voll. Nun steht in einigen Übersetzungen: “ Frieden und Gerechtigkeit haben sich geküsst/bekämpft.“ Das ist verwirrend, zumal sich beides nicht unbedingt ausschließen muss…Kuss oder Kampf? Was nun? Wenn es vom Küssen zum Kämpfen kommt, rückt die Hölle näher, kommt es vom Kämpfen zum Küssen, tut sich der Himmel auf.
Ich bin dafür, dass Frieden und Gerechtigkeit überhaupt zusammen kommen! Was wird aus Gerechtigkeit ohne Frieden? Was aus Frieden ohne Gerechtigkeit?
Wir sprachen zu Beginn vom Hoffen und Lächeln: Dorothy Parker, liebevolle Spötterin aus New York sagt dazu:
„Es gibt zwei Arten Menschen, diejenigen, die überhaupt keine Hoffnung haben, und die, die viel zu viel davon haben. Ich gehören ohne Zweifel zu beiden Gruppen.“
Sie auch?

Worte für den Tag | Montag 5. Juli 2021

„Während Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften schaue ich mir jedes Spiel der Holländer an, wenn sie denn dabei sind“, erzählte mir eine Kollegin aus – Holland. Dann sitzt sie in einem Restaurant oder bei Freunden im Garten, springt auf, wirft die Arme in die Luft und schreit van Persie zu, das Snejder freisteht. Vielmehr lässt sich da nicht machen. Dies „Da lässt sich nichts machen…“ hat etwas Verzweifeltes, manchmal humorvoll, manchmal depressiv.

Es erinnert mich an eine Geschichte aus Südafrika. Ein Anwalt schaute zu, wie eine Frau versucht, ihr Auto aus einer Parklücke zu manövrieren. Er geht zu ihr hin und weist sie Schritt für Schritt an, bis der Wagen draußen ist. „Thank you, John“, meint die Frau. John ist der Einheitsname der Weißen für die Schwarzen. John. Dann streckt sie dem Mann eine kleine Münze hin. Er lehnt sie ab. Lehnt sie ab, auch auf Drängen. Der Mann nimmt das Geld nicht. Schließlich wirft die Frau es ihm vor die Füße und ruft: „Es reicht dir wohl nicht!“ und braust davon. Südafrika im Jahr 1952. Der Anwalt hieß Nelson Mandela.

Er hätte sich sagen können: So sind die Dinge halt; da kann man nichts machen. Hat er aber nicht. Er hat die Erniedrigung seines Volkes nicht hingenommen und dafür später 30 Jahre gesessen… Auf einer Sträflingsinsel.
Nun, ich bin kein Nelson Mandela, aber – ich kann zum Bespiel dazwischen gehen. Oder ich kann mich entschuldigen. Oder ich kann abends darüber nachdenken, was der Tag Schönes für mich bereitgehalten hat – meist lässt sich ja noch im Mühsamsten etwas finden. Oder ich kann Vertrauen anbieten, statt auf der Hut zu sein, kann versuchen, nicht zu lügen, kann wertschätzend von anderen sprechen, kann für die Verzweifelten in Syrien oder auf Lesbos einen Einzahlungsschein ausfüllen.

Ich kann in Corona-Zeiten daran erinnern, dass nicht wir es sind, die verhungern, dass das Elend in den Libanon-Lagern anders ausschaut als ein paar Tage in meiner Wohnung. Ich kann natürlich auch van Persie etwas in den Strafraum schreien oder doch selber einen gangbaren Weg suchen. Das vor allem.